
Die seit 45 Jahren konstant anwesenden und unkaputtbaren deutschen Thrasher PARADOX haben 2025 ein megastarkes Album aufgenommen. Mastermind und mittlerweile verantworltich für alle Instrumente ist bekanntlich Charly Steinhauer, der uns im Interview ein paar Hintergründe erklärt, wie es zu den diesmal programmierten Drums kam (die übrigens trotzdem saustark sind und im Gesamtbild eigentlich gar nicht abweichend auffallen), was Live Aktivitäten betrifft und vieles mehr. Viel Spaß beim Lesen für Totentanz-Magazin
Totentanz: Hi Charly, wie geht es dir aktuell?
Charly Steinhauer: Nun, ich will dir und auch den Lesern nicht verheimlichen, dass ich gerade ein neurologisches Problem habe, aber nicht weiß woher das kommt. Tinnitus lauter wie Slayer und ein Schwindel als würde ich in einem Karussell sitzen und einer würde die Gondel drehen.
Ich glaube so langsam dass ich von nichts verschont bleibe, aber vielleicht sind es auch Spätfolgen, die mit dem Tod von AXEL BLAHA, dem Drummer und Mitbegründer von PARADOX zu tun haben und ich das Drama noch nicht ganz verarbeitet habe. Mein bester Freund fehlt mir sehr und war ein wichtiger Bestandteil von PARADOX. Bevor er 2023 einen Suizid beging, hatte er mit mir an den Drums vom neuen Album „MYSTERIUM“ gearbeitet, aber konnte es wegen heftiger Depressionen nicht mehr einspielen, so dass ich die Drums programmieren musste.
Sie sind auf den Schlag genauso programmiert wie er das Album gespielt und aufgenommen hätte.
Ich will aber nicht jammern, denn jeder der mich kennt weiß, dass ich in meinem Leben schon vieles weggesteckt habe und trotzdem weiter konstant Alben aufgenommen habe.
Ich werde auch diesen Teufel jagen bis er verschwindet. Aufgeben gehört ganz und gar nicht zu meinem Wortschatz. Nur wer kämpft siegt!
TT: Du hast mit „Mysterium“ ein neues Album rausgebracht. Und wie man so gelesen hat im Alleingang, erzähl doch ein wenig über die Entstehung.
CS: Nach „HERESY II – End Of A Legend“ (2021) war „WITHIN THE REALMS OF GRAY“ der erste Song, den ich im Dezember 2022 komponiert habe. Dieser war aber ursprünglich für ein gemeinsames Projekt mit MATT DRAKE, dem ex-Sänger von EVILE geplant, aber leider wurde nichts daraus, da MATT es einfach zeitlich mit Familie nicht mehr auf die Reihe brachte.
Da der Song nicht unbedingt nach PARADOX klingt, landete er „nur“ als Bonustrack auf der CD Version von „MYSTERIUM“. Er war zu gut um ihn einfach liegen zu lassen.
Im Januar 2023 fing ich dann mit dem komponieren der Songs für MYSTERIUM an. Bereits im September stand die gesamte Songstruktur aller Songs. Bis Juli 2024 war ich mit den finalen Aufnahmen aller Instrumente und meinem Gesang, sowie dem Mix des Albums beschäftigt.
Das Album erschien leider mit einem Jahr Verspätung, da u.a. auch der Wechsel zu HIGH ROLLER RECORDS einige Zeit in Anspruch nahm.
TT: Wie schreibst du Songs, wenn niemand bei dir im Raum ist und auch seine Inspiration abgibt? Woher nimmst du die Inspirationen, was kommt zuerst, wie baust du alles auf?
CS: Ich bin seit jeher für die Kompositionen der Songs von PARADOX verantwortlich. In den Anfangstagen habe ich noch gemeinsam mit AXEL BLAHA die Songs im Proberaum komponiert, aber im Grunde kamen die Riffs und Struktur eines Songs von mir.
Inspiriert wurde ich von den Bands die mich am meisten beeinflusst haben. Dazu gehörten zweifellos METALLICA bis zur „MASTER OF PUPPETS“, TESTAMENT, damals noch unter dem Banner LEGACY mit Zetro Souza am Mikro, EXODUS mit „BONDED BY BLOOD“ usw.
Wir wollten einfach Musik machen, die uns am besten gefällt, aber dachten nicht im Traum daran jemals etwas damit erreichen zu können. Der Proberaum war unser zweites zuhause und es war einfach unsere größte Leidenschaft.
Bis heute hat sich nichts daran geändert. Der Maßstab sind meine Lieblingsbands mit deren besten Alben. Das ist die Messlatte die ich auch erreichen will wenn ich an einem neuen Album arbeite.
TT: Kannst du mir noch was über die Songtexte erzählen? Wovon handeln diese oder gibt es ein Konzept hinter dem ganzen Album?
CS: Es zieht sich thematisch ein sogenannter roter Faden durch das Album, aber kein zusammenhängendes Konzept.
Ich recherchiere gerne über ungelöste Ereignisse oder Kriminalfälle, bzw. Geschichten, die mich bewegt haben. Einige davon habe ich auf „MYSTERIUM“ verarbeitet und musikalisch umgesetzt. Im Opener „KHOLAT“ geht es beispielsweise um 9 Bergwanderer, die im Februar 1959 am Dyatlov Pass (Uralgebirge) auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sind. Der Fall wurde nie geklärt. In „ONE WAY TICKET TO DIE“ geht es um Alfred Packer, dem Menschenfresser von Colorado, der 1874 bei der Suche nach Gold seine Kameraden umgebracht und Körperteile von ihnen verzehrt hat. „ABYSS OF PAIN AND FEAR“ ist hingegen eine Huldigung an den Film „Midnight Express“. Eine wahre Geschichte von Billy Hayes, der einzige, dem der Ausbruch aus einem türkischen Hochsicherheitsgefängnis gelungen ist und wegen Drogenschmuggel zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde.
Es gibt aber auch andere interessante Themen auf dem Album. Im Titeltrack „MYSTERIUM“ geht es um Traumdeutung, In PILE OF SHAME um Selbstzerstörung und in „THE DEMON GOD“ um den inneren Teufel, der in gewisser Weise in jedem von uns schlummert und bei manchen Menschen eben ausbricht, was fatale Folgen haben kann.
TT: Eine Albumproduktion kostet Geld. Hast du mit deinem Label im Rücken jemand, der das finanziert oder musst du dafür in die eigene Tasche greifen?
CS: Paradox musste glücklicherweise noch nie für eine Produktion in Vorlage gehen, weil das alle Labels übernommen haben, die für PARADOX Tonträger veröffentlicht haben. Bei den ersten beiden Alben haben schon alleine die Studiokosten über 100.000 D-Mark (heute ca. 50.000 Dollar) verschlungen. Das hätten wir nie aus eigener Tasche bezahlen können. Man kann nicht davon leben wenn man keine Live Konzerte gibt, aber PARADOX haben mittlerweile einen Status erreicht, bei dem alle Kosten, die bei einem Album entstehen vom Label übernommen werden.
Was die Musik betrifft, habe ich schon seit vielen Jahren keine finanziellen Ausgaben mehr.
TT: Wir haben uns neulich kurz privat über die Musikszene ausgetauscht. Und wir kamen beide zu dem Schluss, dass es eine extreme Ungerechtigkeit gibt, die solch eine Qualität wie die deiner Band nicht unbedingt wertschätzt. Was sollte oder könnte deiner Meinung nach anders laufen im Metal-Kosmos?
CS: Da muss ich etwas weiter ausholen.
Ich verspüre wirklich keine Ungerechtigkeit was die Wertschätzung für PARADOX betrifft. Ganz im Gegenteil, aber ich weiß was du meinst.
Die Qualität der Musik wurde immer hochgeschätzt. Es gab kein einziges schlecht bewertetes PARADOX Album in 40 Jahren. Alle hatten einen internationalen Schnitt von mindestens 8 von 10 Punkten. Das ist außergewöhnlich. Vor allem genieße ich bei meinen Musikerkollegen aus der ganzen Welt einen exzellenten Ruf für meine musikalischen Fähigkeiten und vor allem als Gitarrist und Komponist. Es entsteht Gänsehaut wenn ich von meinen eigenen Idolen derartige Komplimente erhalte.
Wenn PARADOX das gemacht hätte, was alle anderen Bands machen müssen um Erfolg zu haben, würde PARADOX auf einer komplett anderen Ebene stehen und zur Speerspitze dieses Genres zählen. Oberste Liga, denn dann würden sich auch die Produktionen besser anhören, weil das nötige Budget dafür vorhanden gewesen wäre. Umso erfolgreicher, umso mehr Kohle für den Sound.
PARADOX hatte immer mit Line-Up Wechseln und Krankheiten zu kämpfen und war nie eine Band die Tourneen spielt oder überhaupt regelmäßig Konzerte gibt. Das ist eigentlich der Tod jeder Band, aber gute Musik wissen die Leute trotzdem zu schätzen.
Ungerechtigkeiten in der Musikszene hat man eigentlich schon immer verspürt, aber nie so häufig wie heutzutage. Damals gab es noch kein Internet wenn du verstehst was ich meine.
Der Markt ist übersäht mit Masse statt Klasse. Die Plattenläden verschwinden und es wird gestreamt bis sich die Balken biegen. Es wird kostenfrei runtergeladen was einem gefällt und viele hören sich ein ganzes Album erst gar nicht mehr an oder leben es. Es wird gezappt.
social Media machts möglich. Ändern wird man daran nichts.
Ich gönne jeder Band Erfolg, aber wenn ich mir z.B. eine Band wie SABATON antun muss, dann sieht man, was mit entsprechender Vermarktung möglich ist. Ist es gerecht, dass eine Band wie SABATON mit ihrem Kitsch bei einigen Festivals höher eingestuft wird als Megadeth? Natürlich nicht, aber vielleicht liegt es auch daran, dass man bei SABATON besser schunkeln kann.
Kann man, aber muss man nicht nachvollziehen.
TT: Als Fan deiner Band hat man die ganzen Schicksalsschläge über Jahre mitbekommen, seien es deine gesundheitlichen Probleme oder aber die deiner Mitmusiker. Und es ist leider so, dass selten eine Band ohne konstante Live Aktivität auf dem Markt bestehen kann. Du hast neulich erst gesagt, dass da bei dir zunächst nichts mehr geplant ist. Meinst du nicht, deine Karriere könnte mit so einem starken Album nochmal etwas mehr Fahrt aufnehmen, wenn du dir Musiker suchst und eine Tour fahren würdest?
CS: Mir stellt sich in erster Linie die Frage, was ich mit PARADOX in meinem Alter noch erreichen will, was ich nicht schon erreicht hätte. Ich bin sicher, dass ich recht leicht Musiker für eine Tour zusammen führen könnte, da ich mich sehr viel mit anderen Musikern austausche, welche auch sicher Interesse hätten daran teilzunehmen. Mir war immer am wichtigsten, dass die Fans neue Musik zu hören bekommen. Ein neues Album hatte für mich schon immer oberste Priorität.
Ich beobachte immer häufiger, dass die Qualität der Alben von Bands die viel auf Tour sind oft nachlässt. Der Fokus hat sich verschoben.
Wenn eine Band wie ANTHRAX satte 10 Jahre für ein neues Album braucht, weil sie den Rachen von Konzerten nicht vollbekommen, dann stellen sich mir als Fan die Nackenhaare hoch.
King Diamond gibt Konzerte und verspricht seit gefühlt 20 Jahren ein neues Album.
Da kann ich mich als Fan auch selbst verarschen.
Sicher vermisse ich die Bühne, aber auf die alten Tage wäre der Aufwand für eine Tour zu groß. Ich will auch kein Vagabundenleben mehr führen. Tour bedeutet Stress. Vor allem für den Sänger. Wenn ich Kontakt zu den Fans suche, dann besuche ich lieber ein Konzert und bin dort jederzeit für die anwesenden Fans ansprechbar.
Ob es noch einige wenige finale Konzerte von Paradox geben wird kann ich derzeit jedenfalls nicht bestätigen und hängt natürlich auch von meiner Gesundheit ab. Im Augenblick wäre ich dazu jedoch nicht in der Lage den Fans eine würdige PARADOX Show zu bieten. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber ich mache keine Versprechungen, die ich vielleicht am Ende nicht halten kann. Mir geht es generell nicht mehr um Erfolg und bin mit dem was PARADOX erreicht hat mehr als stolz und glücklich. Schließlich gibt es nicht so viele Bands, die gleich zwei Klassiker aus den glorreichen 80ern im Gepäck haben. Das ist uns mit „PRODUCT OF IMAGINATION“ und „HERESY“ gelungen. 45 Jahre in diesem Business zu bestehen ist schon zudem ein sehr großer Erfolg für sich.
TT: Was hörst du denn so in letzter Zeit? Gibt es All Time Faves, hast du neue Bands oder Alben entdeckt?
CS: Zur Zeit höre ich das neue CORONER Album „DISSONANCE THEORY“ in Schleife. Für mich klar das beste Album seit geraumer Zeit und meine derzeitige Lieblingsband. Dass wir mit ihnen schon in den 80ern die Bühne geteilt haben macht mich natürlich besonders stolz.
Ich bin außerdem schon immer ein großer Fan von Bands aus der Bay Area, aber die neue EXODUS hat mich schwer enttäuscht. Ein weiteres Beispiel wie sehr die Qualität nachlässt, wenn man zu viel auf der Bühne herum hüpft. Entweder ich will mir die Welt anschauen oder ich mache anständige Musik. Der Sänger ist aber nicht daran schuld.
Es sind einfach schlechte Songs ohne jegliches Konzept. Exodus unwürdig, aber es sei ihnen verziehen. Sie haben geile Alben in ihrer Karriere abgeliefert. Ich bin sehr auf das neue Album von Forbidden gespannt, denn die zählen bei mir zu den Top 3 meiner Lieblingsbands.
FLOTSAM & JETSAM zeigt, dass es auch anders geht, denn die spielen viele Konzerte aber machen seit ein paar Jahren wieder ein geiles Album nach dem anderen. Eine extrem fleißige Band mit hoher Qualität und einem Sänger der viele andere in Grund und Boden singt.
Ich hoffe, dass von VEKTOR bald mal was Neues kommt. NEVERMORE ohne WARREL DANE sehe ich zwiespältig. In meinen Augen ist das jetzt eine Coverband mit zwei Originalmitgliedern und zwei Fans als Bandmitglieder, die ihre Sache aber sehr gut machen. WARREL ist aber nicht zu ersetzen und war einer meiner Lieblingssänger. Ich vermisse seinen Gesang schmerzlich.
TT: Und noch einmal zurück in die Vergangenheit, ich hab euch damals auf dem Thrash The Wall Sampler entdeckt. Kannst du dich noch an den Sampler erinnern, wie kam es dazu, noch irgendwelche lustigen oder coolen Erinnerungen gerade an diese Zeit?
CS: Wir hatten überhaupt keinen Einfluss auf diesen Sampler. Er wurde von „ROADRUNNER RECORDS“ zusammengestellt und einfach veröffentlicht. Wir erfuhren davon erst, als wir die Werbung in den Magazinen gelesen haben. Wir waren aber trotzdem stolz, dass wir mit Bands wie MOTÖRHEAD oder KING DIAMOND auf dem gleichen Album vertreten waren. Das hat immer einen besonders netten Beigeschmack, einen Beitrag auf einem internationalen Sampler zu leisten.
TT: Dann, Charly, danke ich dir für das Interview und falls du noch was loswerden willst, hier dein Platz. Alles Gute dir weiterhin und danke für diese wirklich saustarke Musik!
CS: Ich möchte selbstverständlich alle Leser grüßen und bedanke mich für das Interview!
Hört mal in das neue Album „MYSTERIUM“ rein. Wer auf PARADOX steht wird es lieben, denn es sind alle Trademarks enthalten die PARADOX über die Jahre ausgezeichnet hat.
Zusammen mit „HERESY“ führt es meine persönliche Rangliste an. Cheerz!
Es ist einfach nur beeindruckend, wie ein Mensch nach so vielen Jahren im Geschäft solch ein hohes Niveau an kompositorischer und spielerischer Fähigkeit abrufen kann und ebenso beeindruckend ist die Mentalität, die diesen Menschen trotz aller Schicksalsschläge weiterhin so positiv auf die Dinge schauen lässt. Danke nochmals Charly, für das alles!
(Röbin)
https://www.facebook.com/paradoxthrash

































































































