
Im Rahmen des aktuellen Albums "Next To Die" sprachen wir mit einem gut aufgelegten und redseligen Chris Barnes über das neue Album seiner Band. Dabei ging es nicht nur um SIX FEET UNDER selbst, sondern auch um den Fußabdruck, den Barnes in der Szene hinterlassen hat.
Du bist jetzt seit fast 40 Jahren Musiker. Was hast du in dieser Zeit verloren, und was hast du stattdessen gewonnen?
Barnes: Was habe ich verloren? Also körperlich habe ich nichts an meiner Stimme verloren. Ich habe eigentlich nur auf dem aufgebaut, was ich schon hatte. Körperlich ist also nichts verloren gegangen. Ich denke eher, dass ich ein klareres Verständnis dafür gewonnen habe, was es bedeutet, ein Studiomusiker zu sein und was alles dazugehört. Das ist eher das, was ich gewonnen habe. Verloren habe ich nichts — außer vielleicht die Jugend.
Verlieren wir die nicht alle?
Barnes: Da kommt man nicht drum herum, Mann.
Die Frage kam auch daher, dass ich ältere Aufnahmen von dir nochmal gehört und deine Stimme verglichen habe.
Barnes: Ja, ich finde das irgendwie ein bisschen albern, sowas zu machen. Aber ja, die Stimme ist natürlich dieselbe — und gleichzeitig auch nicht. Ich nutze meinen emotionalen Zustand und wie ich die Musik wahrnehme, um meinen Gesangsansatz anzupassen. Der Grundsound meiner Stimme ist gleich, aber der Ansatz verändert sich je nach Riff und Song. Wenn ich Texte und Vocals schreibe, nenne ich das gern Vocalscapes, also Gesangslandschaften über der Musik. Es ist schwer zu sagen, dass ein Song wie „Caged and Disgraced“ mit einem Song wie „Neuroosmosis“ verwandt ist. Auch wenn Songs brutal sind, ist der gesangliche Angriff oft ganz unterschiedlich.
Ich habe auch Vergleiche zwischen deinem Gesang vor 30 Jahren und heute gesehen. Meiner Meinung nach hat sich in deiner Stimme nicht viel verändert – nur in deinem Stimmeinsatz.
Barnes: Ja, manche behaupten, sie wäre nicht mehr da, aber ich glaube nicht, dass diese Leute sich auf Fakten stützen. Das basiert eher auf ihrer eigenen Agenda.
Ich glaube, diese Meinung kam oft daher, dass Leute bestimmte Sounds oder Stilmittel nicht mochten. Gerade sehr hohe stieß vielen sauer auf.
Barnes: Genau. Oft mögen diese Leute mich als Person nicht oder etwas, das sie über mich gelesen haben. Dann machen sie daraus eine Kampagne gegen mich, obwohl es musikalisch gar nichts damit zu tun hat. Leute machen sich über bestimmte Laute lustig — dieses „Eee“-Ding — und das ist ziemlich kindisch. Das passiert seit Tag eins. Am Anfang nannten sie meine Vocals Cookie Monster. 1991 mochte Kerrang! „Butchered at Birth“ nicht, weil sie die Texte nicht verstanden haben oder keine Vorstellung von Death-Metal-Vocals hatten. Ich hatte einen großen Anteil daran, diesen brutalen Death-Metal-Gesang überhaupt zu etablieren. Seit dem ersten Tag wurde ich dafür verspottet.
Und was ich seltsam finde: Die Leute, die meine Musik mögen, sind oft nicht besonders laut. Aber die Leute, die mich nicht mögen, verbringen Stunden damit, darüber zu reden. Das ist irgendwie lustig.
Kunst und Musik — jeder hat eine andere Meinung. Aber im Death Metal scheint es manchmal so zu sein, als müsste jeder nur eine einzige Sache mögen. Ich habe immer versucht, meine Grenzen zu erweitern. Ich glaube nicht an starre Grenzen. Manche Musiker sagen, das Wichtigste für sie sei Konsistenz — und ehrlich gesagt finde ich das fast peinlich. Konsistenz ist Fließbandarbeit. Ich will lieber etwas ausprobieren, auch wenn es manchmal nicht funktioniert. Ich stehe nicht gern im flachen Wasser — ich schwimme lieber raus ins offene Meer und schaue, was da draußen ist.
Wenn wir schon über Grenzen sprechen: Der letzte Song des Albums, „Ill Vicious“, ist für mich etwas Besonderes. Er bricht mit typischen Death-Metal-Strukturen, hat diese gesprochenen, fast geflüsterten Parts am Anfang. Kannst du etwas darüber erzählen und warum er ganz am Ende des Albums steht?
Barnes: Das ist wahrscheinlich der wichtigste Song, den ich je geschrieben habe. Ich sage ungern „Reise“, weil das ein überbenutztes Wort ist, aber es ist eine sehr persönliche Geschichte für mich. Der Song bedeutet mir sehr viel. Die Texte sind wichtig für mich. Er geht außerhalb der üblichen Linien — und manchmal muss man außerhalb der Linien malen, um etwas zu finden, das wirklich Bedeutung hat. Ich wollte etwas sehr Persönliches teilen. Ich habe Jack Owen gebeten, musikalisch etwas anderes zu schreiben. Es hat lange gedauert, bis ich den Song gesanglich und lyrisch verstanden habe. Es war einer der schwierigsten Songs, die ich je geschrieben habe, aber auch irgendwie magisch. Das ganze Album war das in gewisser Weise, aber dieser Song besonders.
„Ghost Growling“, richtig?
Barnes: Ja, so nenne ich diese Technik. Das ist wie ein Schatten der eigentlichen Death-Metal-Stimme. Ich habe auch mit Layering gearbeitet, um Schatten von Erinnerungen darzustellen. Viele hören Musik heute mit Kopfhörern, und ich wollte, dass dieser Song sehr immersiv wirkt. Er hat eine Dunkelheit und eine Traurigkeit, die mich selbst beeinflusst. Er ist so anders, dass er nicht in die Mitte des Albums gepasst hätte — deshalb musste das Album damit enden.
Für mich ist das der stärkste Song auf dem Album.
Barnes: Danke Mann, das bedeutet mir viel. Kritik ändert meine Meinung nicht, aber wenn jemand wirklich versteht, was der Song ausdrücken soll, bedeutet mir das viel. Für mich ist es auch mein Lieblingssong.
Er wirkt auch textlich anders — introspektiver, stimmungsvoller. Ich habe inzwischen so viele Death-Metal-Songs über Mörder und Gewalt gehört, dass ich etwas anderes interessant finde.
Barnes: Es ist schwer, echte Realität aus dem Thema Massenmord zu ziehen, wenn man selbst keiner ist. Aber wenn man seine eigenen Gefühle und Erfahrungen nutzt, kann das etwas Echtes werden. Musik sollte etwas auslösen — dich zum Nachdenken bringen oder etwas fühlen lassen.
Es ist wie bei Horrorfilmen. Viele sind gleich, voller Effekte und Blut, aber sie hinterlassen nichts. Und dann gibt es Filme mit weniger Effekten, aber etwas Dunklem darunter, das dich wirklich trifft. Genau das wollte ich in meinen Texten immer erreichen. Auch Sachen, die ich früher bei Cannibal Corpse angefangen habe — diese übertriebene Beschreibung — das ist inzwischen so oft gemacht worden, dass es etwas anderes braucht.
Manche meiner am meisten kritisierten Songs sind für mich eigentlich die dunkelsten, weil sie auf sehr realen Geschichten beruhen. Viele Leute verstehen das nicht. Wenn ich solche Songs singe, bekomme ich diese Dunkelheit nicht aus dem Kopf. Ich habe solche Texte nicht geschrieben, weil ich Gewalt cool finde — ich habe sie geschrieben, weil mich diese Dinge schockiert und abgestoßen haben.
Irgendwann hat sich das geändert — von etwas Schockierendem zu etwas, das Leute „cool“ fanden.
Barnes: Ja. Leute fragen mich manchmal: „Wer ist dein Lieblings-Serienkiller?“ Und ich denke nur — keiner. Das sind Leute, die andere aus ihren Familien gerissen haben. Ich hasse jeden, der sowas tut. Kunst wird unterschiedlich interpretiert, das ist auch die Schönheit daran, aber manchmal frustriert es den Künstler, wenn sie falsch verstanden wird.
Beim Schreiben: Wie balancierst du zwischen Storytelling und einem Song, der noch singbar bleibt?
Barnes: Das passiert nicht bewusst. Wenn ich Musik höre, habe ich das Gefühl, die Worte sind schon in den Riffs versteckt. Es ist fast wie Meditation oder ein Trancezustand. Manchmal schreibe ich einen Song beim ersten Hören komplett durch, als wäre ich gar nicht richtig da. Es kann sich wirklich wie eine übernatürliche Erfahrung anfühlen.
Ich habe gelesen, dass dir neue Mitglieder und Einflüsse in der Band immer gefallen haben. Jetzt habt ihr aber seit Jahren ein stabiles Line-up. Was bringt diese Stabilität?
Barnes: Die verschiedenen Versionen von Six Feet Under mit unterschiedlichen Songwritern haben es für mich immer interessant gehalten. Ich habe nie viel Wert auf Konsistenz gelegt. Die unterschiedlichen Songwriter haben mich immer in neue Richtungen gebracht. Auch jetzt, mit der stabileren Besetzung und Jack als Hauptsongwriter, bleibt es dynamisch. Die letzten drei Alben sind trotzdem sehr unterschiedlich. Es fühlt sich fast an, als würde ich mit jedem Song mit jemand anderem schreiben.
Heutzutage erscheinen so viele neue Alben jeden Tag. Hat sich die Art verändert, wie ihr eure Musik promotet?
Barnes: Nicht wirklich. Ich gehe das immer noch gleich an: Ich will ein Album machen, ich will schreiben, aufnehmen, touren. Was sich geändert hat: Früher hast du getourt, um ein Album zu promoten. Heute machst du ein Album, um eine Tour zu unterstützen. Die Rollen haben sich umgedreht. Albumverkäufe existieren kaum noch. Im Grunde bist du heute ein reisender Merchandise-Verkäufer — aber das Ziel ist trotzdem, auf der Bühne zu stehen. Das ist das beste Gefühl überhaupt, wenn du Menschen siehst, die Spaß an etwas haben, das du miterschaffen hast.
Ich habe noch eine letzte Frage: Ich habe viele Dokumentationen und Autobiografien über Death Metal gesehen — über den Aufstieg des Genres und seine Entwicklung. Es gibt Bücher, Biografien, Dokumentationen über verschiedene Bands. Hast du jemals darüber nachgedacht, selbst eine Autobiografie zu schreiben und deine Seite der Geschichte zu erzählen? Ist das etwas, das du in den nächsten Jahren machen willst?
Barnes: Ja, natürlich habe ich darüber nachgedacht. Ich habe mit der Idee immer wieder hin und her überlegt. Aber da, wo ich jetzt gerade stehe — ich will da eigentlich nicht mitmachen. Ich will nicht daran teilnehmen. Ich glaube nicht, dass man wirklich ausdrücken kann, was damals tatsächlich passiert ist. Es ist schwer, jemanden wirklich in diese Situationen hineinzubringen. Ich weiß nicht mal, ob ich das Talent dafür hätte. Und ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass ich möchte, dass alles über mich — meine persönlichen Erfahrungen, mein Privatleben, meine Gefühle über Dinge, die passiert sind oder über Menschen, mit denen ich gearbeitet habe — dass all das zum öffentlichen Thema wird.
Ich habe sowieso das Gefühl, dass ich schon genug unter einem Mikroskop stehe. Es gibt schon genug Spekulationen, Zweifel und Kritik über Dinge, die viel unwichtiger sind als das, was mein Leben eigentlich ausgemacht hat. Und ich will das nicht noch mehr Leuten geben, die dann in irgendeiner Kommentarspalte schreiben: „Coole Story, Bro“, oder sagen, das sei nie passiert. Ich bin ein sehr ehrlicher Mensch. Ich übertreibe nicht und ich erfinde nichts. Klar, jeder sagt mal kleine Notlügen, aber wenn es um Dinge geht, die ich erlebt habe, dann übertreibe ich nicht. Und jeder, der mich kennt, weiß, dass ich ein ziemlich starkes Gedächtnis habe. Ich erinnere mich an Dinge sehr lebhaft — fast fotografisch. Manchmal erinnere ich mich sogar daran, was ich in einem bestimmten Moment gerade gemacht habe. Leute fragen mich oft, wie ich mir sowas merken kann. Ich weiß es nicht, aber ich kann es. Vielleicht hilft es auch dabei, sich so viele Texte zu merken. Aber ja — ich möchte mich nicht noch mehr öffnen und dann erleben, dass Leute alles anzweifeln. Deshalb habe ich mit der Idee gespielt, aber im Moment ist das mein Standpunkt.

Ich kam auf diese Frage, weil man bei der Recherche ständig Geschichten über dich liest — aber immer nur eine Seite der Geschichte. Oft fehlen die Umstände oder der Hintergrund.
Barnes: Ja, das stimmt, Mann. Und ich mag es, wenn Leute mir konkrete Fragen stellen und mich meine Seite erzählen lassen. Damit habe ich kein Problem. Ich habe das auch schon gemacht, zum Beispiel im Podcast von Chris Garza. Das war ein sehr intensives Gespräch — wir hatten am Ende beide Tränen in den Augen. Wenn Leute wirklich spezifisch fragen, was damals passiert ist, wie etwas entstanden ist oder wie ich etwas erlebt habe, dann rede ich darüber gern.
Ich denke, das haben wir auch schon etwas bei der Centuries of Torment-DVD angesprochen. Ich war dort sehr ehrlich aus meiner Sicht. Aber manche andere hatten eher eine selektive Erinnerung. Ich glaube, einige hatten Schwierigkeiten mit meinem Einfluss auf die Band und damit, was ich beigetragen habe. Manche versuchen, meine Rolle kleiner zu machen oder zu marginalisieren. Viele sagen dann, ich sei verbittert — aber nein, ich erzähle einfach die Wahrheit.
Eine Wahrheit ist zum Beispiel: Ohne bestimmte Kontakte in meinem Leben wäre die Band damals nie bei Metal Blade Records gelandet. Die Band wäre wahrscheinlich einfach in Buffalo auseinandergefallen. Ich war ein wichtiger Teil davon. Aber das heißt nicht, dass ich verbittert bin. Im Gegenteil — je erfolgreicher sie sind, desto besser ist das auch für mich und für alle anderen. Ich habe keinen Groll. Manchmal provoziert man sich gegenseitig, klar. Manchmal mögen sie mich vielleicht nicht und ich sie auch nicht — aber das ist eher eine Beobachtung als Bitterkeit. Wir haben diese Erfahrungen gemacht, und man kann sie nicht einfach wegreden, nur weil Außenstehende sie nicht kennen.
Danke dir fürs Beantworten meiner Fragen!
Barnes: Danke dir!
Manuel
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