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Wave Gotik Treffen 2011

Wave Gotik Treffen 2011

9.-13.6.11 - Leipzig

 

images/live-pic/Titelfoto.jpgHappy birthday! Zum zwanzigsten Mal fand heuer das wichtigste Gothic-Festival der irdischen Hemisphäre statt, wie immer fluteten um die 25000 Besucher das schöne Leipzig, um gesehen zu werden, ihre Outfits spazierenzutragen, Bands zu sehen und mal wieder ein paar Tage Paralleluniversum zu erleben. Erfreulicherweise sorgte Thor für angenehmes, weitgehend niederschlagsfreies aber auch nicht zu heißes Wetter, so daß die Rahmenbedingungen stimmten. Noch dazu hatten die Veranstalter sich selbst übertroffen und wirklich aus jedem Subgenre einige der hochkarätigsten Bands verpflichtet – dieses Jubiläumsbilling dürfte in den kommenden Jahren kaum zu überbieten sein. Was uns natürlich hier und da wieder vor die Qual der Wahl stellte, denn um manche interessante Band zu sehen, hätten wir uns doch erstmal klonen müssen.

Neben den üblichen vier Festivaltagen ging das WGT 2011 bereits einen Tag früher los. Um das Jubiläum gebührend zu feiern, spielten nämlich bereits am Donnerstag nahezu alle Bands des 20 Jahre zurückliegenden ersten Treffens in der Agra. Eine gute Idee der Veranstalter, entsprechend gerne wurde dieses Aufwärmkonzert auch von der angereisten Meute angenommen. Und schon befinden wir uns mitten im kunterschwarzen Geschehen…

 

 

 

Donnerstag, 9.6.11 – Agra

 

images/live-pic/AgeOfHeaven.jpgAge Of Heaven

 

Als wir die Halle enterten, war Goethes selbsternannter Erbe und WGT-Dauergast Oswald Henke gerade beim letzten Stück, so daß Age Of Heaven als diesjähriger Festivalauftakt herhalten mußten. Was nicht ganz schlecht war. Die Band war mir bislang unbekannt, legte aber eine gelungene Show auf die Bretter. Gothic Rock der alten Schule ist eigentlich nie verkehrt, jedenfalls haben Age Of Heaven das Erbe von Joy Division, Southern Death Cult etc. gut verarbeitet und zu hörenswertem eigenen Material geformt. Schön dunkel und mit dem richtigen Schuß Monotonie, ohne in Langeweile abzudriften. Für mich eine gelungene Eröffnung des WGT 2011.

 

 

The Eternal Afflict

 

Im Anschluß daran The Eternal Afflict, immer wieder mal auf dem WGT vertreten – warum eigentlich? images/live-pic/TheEternalAfflict.jpgSo der Reißer sind sie echt nicht, die stumpfen Songs haben mich schon vor zwei Jahren gelangweilt, der Sänger post immer noch reichlich unfaszinierend und singt ebenso, da war das Interesse schnell abgeebbt. Ok, zum Jubiläum kann man diesen Auftritt nachvollziehen, aber unter normalen Umständen hätte man The Eternal Afflict nicht wieder holen müssen.

 

 

images/live-pic/LoveLikeBlood.jpgLove Like Blood

 

Verdientermaßen die Headlinerposition besetzten heute abend Love Like Blood, die vor zehn Jahren aufgelöste bzw. seitdem dauerpausierende Semilegende des deutschen Gothic Rocks. Für diesen einen speziellen Auftritt hatten sie sich reformiert, seit 1999 hatten sie keine Bühne mehr von oben gesehen – von größeren Eingewöhnungsschwierigkeiten war jedoch nichts zu beobachten. Jörg Eysel war hervorragend bei Stimme und brachte die Songs sehr theatralisch dar. Zwar fehlte das namensgebende Killing Joke-Cover, aber das sollte man ja ein paar Tage später noch von den Schöpfern selbst zu hören bekommen. Love Like Blood konnten jedenfalls mit den Klassikern ihrer eigenen Geschichte mühelos punkten. Das abschließende „Heroes“ von David Bowie kann ja auch schon nahezu als Love Like Blood-Song durchgehen, hätte für mich aber nicht unbedingt sein müssen. Nichtsdestotrotz war der Auftritt richtig klasse; ich hoffe mal, daß die Herren in ihrer Entscheidung, Love Like Blood künftig ruhen zu lassen, dadurch etwas ins Wanken gebracht wurden. Vielleicht lassen sie sich doch noch das eine oder andere Mal aus dem Kälteschlaf auftauen und auf die Bühne stellen, es würde sonst wirklich etwas fehlen.

 

 

 

Freitag, 10.6.11 – Heidnisches Dorf

 

The Moon And The Nightspirit

 

Das Wetter war herrlich, das Programm vielversprechend, also startete der erste „richtige“ Festivaltag im heidnischen Dorf. Neben all images/live-pic/TheMoonAndTheNightspirit.jpgden Ständen und Zeitvertreiben gab es wie immer auch Musik, wobei heute auf der Heidenbühne einiges an besinnlichen Weisen geboten wurde. Die erste Band, die meine Ohren erfreuen durften, waren The Moon And The Nightspirit aus Ungarn, welche ja auch schon das eine oder andere Mal beim WGT gastierten. Und wie beim letzten Konzert verzauberten sie mich auch heute. Ihr mystischer, atmosphärischer Folk ist eine Klasse für sich und kann sich durchaus mit Künstlern wie Faun oder Elane messen. Zwar wäre eine nächtliche Auftrittszeit passender, aber auch am hellen Nachmittag lauschte das Volk andächtig. 

 

 

images/live-pic/Quellenthal.jpgQuellenthal

 

Quellenthal hatten die kürzeste Anreise – sie kommen immerhin aus Leipzig -, sind aber stilistisch ähnlich gelagert wie die Ungarn. Auch sie setzen auf romantische, besinnliche Musik; war nicht verkehrt, etwas besonderes war aber das verwendete Instrumentarium. Nicht jede Band holt mal eben ein Metronom oder Wassergläser, auf deren Rändern natürlich entsprechend gerieben wurde, auf die Bühne. Insofern war es ein sehenswerter Auftritt, auch wenn Quellenthal nicht die Qualität der vorherigen Band halten konnten. Was aber nicht heißt, daß sie langweilig gewesen seien; der Gig war absolut genießbar.

 

 

Neun Welten

 

Schon etwas länger dabei sind Neun Welten, die nicht nur aufgrund ihres Namens hervorragend an images/live-pic/NeunWelten.jpgdiesen Veranstaltungsort paßten. Auch ihre Musik kann einen problemlos in ferne Zeiten und Welten entführen, wenn man sich auf die komplett instrumental gehaltenen Stücke einläßt. Was das Publikum heute sehr gerne tat, jedenfalls waren trotz vorgerückter Stunde, zu der bereits an zahlreichen anderen Orten Bands auftraten, keine Abwanderungstendenzen zu erkennen. Quer durch alle neun Welten ging die Reise, die Band zeigte sich sehr spielfreudig, Violinistin Aline Deinert versank förmlich in der Musik. Ein bemerkenswerter Auftritt einer immer noch unterbewerteten Band; Neun Welten hätten schon lange größere Aufmerksamkeit verdient, aber so bleiben sie uns zumindest im kleinen Rahmen erhalten, und schließlich will man seine Musik ja nicht mit jedem Wochenendfreak teilen.

 

 

 

Freitag, 10.6.11 – Oper

 

images/live-pic/DiamandaGalas.jpgDiamanda Galas

 

Anschließend machten wir uns auf den Weg zur Oper, um Diamanda Galas zu sehen, wozu ja nicht allzu häufig Gelegenheit besteht. Die Plätze waren begrenzt, zahlreiche Leute stolperten freudestrahlend kurz nach der Öffnung mit Eintrittskarten in der Hand herum. Allerdings schien das Verhalten gegenüber der Presse unklar; während mancher Mitarbeiter sich strikt weigerte, mir eine Karte auszustellen, behaupteten andere, ich brauche auf jeden Fall eine. Nun ja, Hauptsache ich wurde hineingelassen. Allerdings mit Verspätung, denn es gab offenbar einige technische Schwierigkeiten, weshalb der Konzertbeginn ziemlich genau eine Stunde später als geplant lag.

 

Die Musik der Galas ist keineswegs leicht verdaulich, ihr Gesang erst recht nicht. Offenbar sollte auch gleich mal die Spreu vom Weizen getrennt werden, denn von Beginn an vollführte die Dame einige stimmakrobatische Aktionen, bei welchen man sich schon etwas fester an den Sitz krallen mußte. Etwa ein Drittel des Publikums tat das Gegenteil und ergriff schon nach wenigen Stücken die Flucht. Mitunter ist es vielleicht hilfreich, sich vor dem Konzertbesuch mit der zu erwartenden Musik vertraut zu machen. Das war ich zwar auch nur marginal, aber beeindruckend war es schon, wie Diamanda Galas jenseits aller Konventionen und Grenzen ihren Flügel bearbeitete und sich dazu durch die Lieder kreischte, röchelte, schrie und mitunter sang. Avantgardekunst der gehobenen Klasse, keine Frage. Wer das zu schätzen wußte, bekam einen wirklich denkwürdigen Auftritt einer gut aufgelegten Musikerin zu hören, der eine Stunde dauerte und so frenetisch bejubelt wurde, daß gleich mehrere Zugaben gewährt werden mußten. Fürwahr, nichts für alle Tage, vielmehr etwas Besonderes und eine Notiz auf den Merkzettel für eine weitere Baustelle in der Musiksammlung.

 

 

 

Freitag, 10.6.11 – Agra

 

Deine Lakaien

 

Zum Abschluß des Tages ging es nach dem Verlassen der Oper noch zur Agra, wo heute Deine Lakaien als Headliner angesetzt waren. images/live-pic/DeineLakaien.jpgKann man sich immer wieder anschauen, fanden auch eine Menge Besucher, entsprechend voll war es in der Halle. Alexander Veljanov war gut bei Stimme, Ernst Horn wirkte am Flügel, der Auftritt war – wie nicht anders erwartet – souverän und überzeugend, allerdings konzentrierten Deine Lakaien sich doch sehr auf aktuelleres Material. Was nicht schlecht ist, außerdem muß es ja nicht immer eine reine Greatest-Hits-Veranstaltung sein. Klassiker wie „Fighting the green“, „Reincarnation“ und das wunderbare „Love me to the end“ kamen dann zum Ende hin dann aber doch noch zum Zuge. Irgendwie fehlte noch ein Gramm Salz, um den Auftritt zu einem echten Kracher werden zu lassen, enttäuscht war aber wohl auch keiner. Auch ich nicht – Deine Lakaien, ein würdiger Headliner und immer wieder gerne gesehen.

 

 

 

Samstag, 11.6.11 – Pantheon

 

images/live-pic/Empyrium.jpgEmpyrium

 

Einer der meisterwarteten Auftritte des Festivals war für mich zweifellos derjenige Empyriums. Es ist kein Geheimnis, daß ich die vier Alben der Band innigst liebe und insbesondere das Zweitwerk „Songs of moors and misty fields“ zu den zehn besten Alben aller Zeiten zähle. Insofern war ich sehr gespannt, wie die 2010 wiedervereinigte Band ihr erstes Konzert überhaupt bestreiten würde. Natürlich mit einer Reihe Gastmusiker, das war klar, schließlich erfordert die Umsetzung der Musik mehr als nur zwei Personen, und Empyrium bestehen weiterhin aus den Herren Schwadorf und Helm. Somit waren diverse Musiker befreundeter Bands, u.a. The Vision Bleak, Dornenreich und Neun Welten, zur Unterstützung angetreten. Und das Pantheon, welches wir an einem bewölkten Samstagnachmittag aufsuchten, war mit seiner festlichen Atmosphäre nun auch ein würdiger Veranstaltungsort hierfür.

 

Empyrium haben in ihrer ersten Bandphase zwei metalkompatible und zwei akustische Alben veröffentlicht; heute gab es beides zu hören, aber das Hauptaugenmerk lag doch auf der akustischen Seite. Jedes Album wurde mit mindestens einem Stück bedacht. Einen alten Schinken  („The Franconian woods in winter’s silence“) gab es zu hören, von späteren Werken performte man u.a. „Where at night the wood grouse plays“, „Many moons ago“, „Die Schwäne im Schilf“, „Das blau-kristall’ne Kämmerlein“ und „Heimwärts“. Und die Göttergabe schlechthin, das bereits erwähnte „Songs of moors and misty fields“? Leider wurde mit „Mourners“ lediglich ein Stück dieser musikalischen Sternstunde dargeboten, aber man sollte nicht vermessen sein: Empyriums Musik ist nicht für eine Liveumsetzung geschaffen und gehört eher in die eigenen vier Wände, vor diesem Hintergrund war die Gefahr, daß der Auftritt in die Hose gehen könnte, gegeben, wurde aber umschifft. Auch wenn Schwadorfs Gesichtsausdruck nicht unbedingt von Spielfreude kündete und eher einem dringenden Wunsch, hier möglichst bald wegzukommen und sich wieder im Studio verkriechen zu können, Rechnung trug, auch wenn ich anschließend nicht völlig begeistert das Pantheon verließ – es war ein denkwürdiger und überzeugender Auftritt, dem allerdings nicht mehr viele folgen sollten. Bitte nur seltene Auftritte zu besonderen Gelegenheiten, alles andere würde die empyrische Magie zerstören. Die aber brennt aufs neue, denn ein neues Album ist in Planung. Ich kann es kaum erwarten…

 

 

Samstag, 11.6.11 - Parkbühne

 

Ikon

 

Anschließend ging es durch die Stadt zur Parkbühne, denn Ikon wollten wir uns nicht entgehen lassen. Die australischen Gothic Rocker images/live-pic/Ikon.jpgsind sicherlich nicht die variabelsten Vertreter ihrer Zunft, aber die Musik ist einfach zu gut, um ernsthaft Kritikpunkte zu finden. Unter beständigem Sonnenschein spielte die Band zwar zurückhaltend aber trotzdem mitreißend zum Tanz auf. „Rome“, „I never wanted you“, „A line on a dark day“, “Psychic vampire” und noch einiges mehr wurde dargeboten; Ikon wirkten eher semimotiviert, trotzdem war der Auftritt sehr gelungen. 20 Jahre Ikon, 20 Jahre WGT – hier durften zwei Jubiläen parallel begangen werden, beide feierwürdig und beide hoffentlich noch lange nicht am Ende. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß mit den Australiern; mögen sie noch lange weitermachen.

 

 

images/live-pic/LacrimasProfundere.jpgLacrimas Profundere

 

Lacrimas Profundere waren anschließend eher ernüchternd; zwar kann man der Band keine großen Vorwürfe machen, sie legten einen sauberen Gig hin, aber irgendwie wirkte das alles professionell-langweilig auf mich, zu viele Standardposen, zuviel Nichts. Der Auftritt rauschte eher an mir vorüber, obgleich man sich ordentlich ins Zeug legte und um eine kraftvolle Show bemüht war. Vielleicht waren Lacrimas Profundere für mich einfach die falsche Band zur falschen Zeit, jedenfalls zog ich es nach der halben Spielzeit vor, mich zu absentieren und auf den Weg in den Leipziger Westen zu machen.

 

 

 

Samstag, 11.6.11 – Felsenkeller

 

Spiritual Frontimages/live-pic/SpiritualFront.jpg

 

Der Abend war dem Neofolk vorbehalten, welcher heute im Felsenkeller zelebriert wurde. Als wir eintrafen, war bereits schwer was los, nach kurzer Zeit sollten Spiritual Front auf die Bühne gehen, die uniformierten Horden drängten in den Club. Die mir bislang unbekannte Band scheint eine Menge Fans zu haben, bereits nach dem ersten Song fragte ich mich allerdings nach dem Grund. Okay, bei dem Sänger kommt man nicht um den Gedanken an eine Wiedergeburt des jungen Johnny Cashs herum, der während des Gigs im Hintergrund gezeigte alte Italo-Schinken hatte auch einen gewissen Charme, musikalisch hingegen konnten Spiritual Front auf der Langeweileskala ganz weit oben landen. Das war weder düster noch atmosphärisch noch martialisch, Spiritual Front spielen lupenreinen Charts-Pop, da hätte Lady Gaga auch nicht schlechter auf das Billing gepaßt. Warum das Publikum die Band trotzdem abfeierte, erschloß sich mir nicht.

 

 

images/live-pic/Rome.jpgRome

 

Deutlich besser dann Rome; hier gab es zu hören, weshalb ich hergekommen war. Ruhige, atmosphärische Musik, wehmütig und mit einem Schuß Apokalypse, Neofolk eben. Jerome Reuter wirkte auf der Bühne recht unnahbar, verzog kaum eine Miene, auch seine Mitstreiter gaben sich nicht viel agiler. Langweilig war der Auftritt aber keineswegs, dafür ist die Musik einfach zu gut, und irgendwie paßt diese Distanz auch zu Rome. Das Publikum schwelgte andächtig dem Ende der Welt entgegen; sollte der Mayakalender recht behalten und der Planet nächstes Jahr den Löffel abgeben, Rome wären jedenfalls ein passender Soundtrack. Ich hoffe aber, daß auch über jenes Datum noch das eine oder andere Mal Gelegenheit bestehen wird, die Neofolk-Speerspitze aus Luxemburg live zu begutachten. Rome waren ein würdiger Tagesabschluß – in musikalischer Hinsicht. Ein anschließender Mitternachtsimbiß in der gegenüberliegenden Vleischerei (sic!), Leipzigs bester veganer Futterbude, war nämlich noch absolute Pflicht, bevor der Tag sein Ende fand.

 

 

 

 

Sonntag, 12.6.11 – Anker

 

Cawatanaimages/live-pic/Cawatana.jpg

 

Womit man abends aufgehört hat, damit soll man den nächsten Tag beginnen, also stand für den WGT-Sonntag erneut Neofolk auf dem Programm. Der rührige Anker im Westen Leipzigs ist eine sehr ansprechende Location, in welcher heute entsprechend der Großteil der gestern anwesenden Nasen erneut einmarschierte. An Cawatana habe ich ehrlich gesagt wenige Erinnerungen. War wohl ganz ok, jedenfalls blieb kein negativer Eindruck aber eben auch kein positiver. Cawatana rauschten akustisch durch, die Ohren konnten schon mal in Stellung gebracht werden.

 

 

images/live-pic/AndrewKing.jpgAndrew King

 

Deutlich anders präsentierte sich anschließend Herr King – bewaffnet mit einer Trommel, einer Rassel und der Macht des Wortes. Etwas instrumentale Unterstützung erhielt der Herr zwar, aber sein charismatisches Auftreten sorgte dafür, daß ohnehin alle Augen und Ohren an seiner Darbietung hingen. Wie er im besten britischen Akzent seine Texte deklamierte, dazu die Trommel schlug und wie im Wahn fiebernd ins Publikum blickte – das war wirklich spektakulär. Andrew King solo ist die Neofolk-Variante des alten britischen Volkslieds, ich fühlte mich an den Sean Nós-Gesang Irlands erinnert. Ganz urtümlich, nur eben etwas martialischer. Ich lauschte jedenfalls während des kompletten Auftritts gebannt und fiel am Ende in den stürmischen Applaus ein, welchen sich King mehr als verdient hatte.

 

 

Orchisimages/live-pic/Orchis.jpg

 

Orchis konnten nach dieser Darbietung eigentlich nur verlieren, brachten aber auch nicht gerade die Voraussetzungen mit, einen auch nur ansatzweise ebenbürtigen Gig hinzulegen. Die mir unbekannte Band wies eine recht seltsame Personalbemessung auf, sie bestand aus einem verzückt herumhüpfenden Gitarristen, einem schwer nach EBM aussehenden (wenn auch gasmasken- und leuchtstäbschenlosen) Typen am Laptop und zwei Sängerinnen, welche sich adrett drehten und ebenso adrett miteinander harmlose Liedchen sangen. Stimmlich nicht besonders herausragend und auch sonst eher uninteressant. Man kann nicht überall auf die musikalische Offenbarung stoßen, Orchis waren davon jedoch annähernd so weit entfernt, wie es eben ging. Zumindest schafften sie es, den Anker konsequent leerzuspielen, was sicherlich nicht nur mit dem sonnigen Wetter zusammenhing.

Danach war für uns Schicht vor Ort, denn nebst einer fälligen Futterpause waren heute noch zwei absolute Pflichtbands in der Agra angesetzt, also nichts wie hin.

 

 

Sonntag, 12.6.11 – Agra

 

images/live-pic/KillingJoke.jpgKilling Joke

 

Da es mit dem zwischenzeitlich vertilgten Essen einige Verzögerungen gab, stolperten wir erst mit viertelstündiger Verspätung in der Agra ein. Gerade pünktlich zum Intro des Postpunk-Urgesteins, denn die Herren begannen mit akademischem Viertel. Ich war extrem gespannt, hatte ich sie doch noch nie live gesehen. Und wurde mal eben mit einem der besten Auftritte des Festivals beschenkt. Meine Fresse, Killing Joke waren echt die Macht! Jaz Coleman, mit roter Gesichtsbemalung und hellem Tarnanzug kostümiert, führte charismatisch durch die Show und sang äußerst kraftvoll (was ich ihm ausgehend von den Scheiben nicht unbedingt zugetraut hätte), die Musiker freuten sich sichtlich, mal wieder zusammen zocken zu dürfen, insgesamt bot man eine dramatische, leidenschaftliche und vollkommen überzeugende Performance. An der Setlist gab es ebenfalls nichts zu bemängeln; Klassiker wie „Love like blood“, „The wait“ oder „Wardance“ bleiben großartig und wurden mitreißend dargeboten. Schade nur daß trotz des verspäteten Beginns der Schlußakkord nach dem finalen „Pandemonium“ umso pünktlicher erklang, so daß Killing Joke eine Viertelstunde kürzer als geplant auf der Bühne standen. Aber was soll’s, die intensive Nachfühlzeit gleicht das wieder aus. Killing Joke bewiesen heute jedenfalls eindrucksvoll, weshalb sie von solch vielen Bands als wichtiger Einfluß genannt werden. Neben Coppelius und Moonsorrow mein WGT-Highlight 2011!

 

 

Fields Of The Nephilimimages/live-pic/FieldsOfTheNephilim.jpg

 

Die Fields sind eine Legende, keine Frage. Bereits vor drei Jahren durfte man in der Agra niederknien, als sie mit ihren unsterblichen Hymnen das Publikum in ihren Bann zogen. Auch heute bot sich ein gewohntes Bild. Viel Nebel, wenige Worte, viel gute Musik. Leider fehlte aber die Magie des letzten WGT-Auftritts, auch wenn ich nicht klar sagen kann, woran das lag; vielleicht waren Killing Joke einfach zu großartig gewesen. Musikalisch boten die Fields einen gewohnt souveränen Gig, Carl McCoys Mörderstimme verursacht bei wirklich jedem Hören eine beständige Gänsehaut, selbst zu einem kurzen „Thank you“ ans Publikum ließ sich der Meister herab. Und aus dem Set heraus ragte das alles überstrahlende „Moonchild“, was sogar das Fehlen von „Dawnrazor“ verschmerzen ließ. Beschweren mußte man sich also wahrlich nicht, aber die Luft war doch ein wenig raus, so daß Fields Of The Nephilim unerwarteterweise nicht als Tagessieger vom Platz gingen. Ein andermal wieder, ich werde gerne erneut anwesend sein.

 

 

 

Montag, 13.6.11 – Parkbühne

 

images/live-pic/SoulInIsolation.jpgSoul In Isolation

 

Bevor Coppelius in der Agra zum Tanz riefen, blieb heute nochmal Zeit, ein wenig die Parkbühne zu frequentieren. Den Anfang machten dort Soul In Isolation, deren Musik weitgehend dem traditionellen Gothic Rock zuzuordnen war, allerdings ohne den liebgewonnenen Charme der ganz alten Schule. Das eher EBM-mäßige Outfit des Sängers ließ Befürchtungen aufkommen, welche jedoch unbegründet waren. Soul In Isolation rockten ganz anständig, ließen mich zwar nicht vor Begeisterung auf die Knie fallen, erwiesen sich aber als kompetente und würdige Opener des letzten Festivaltages.

 

 

 

Midnight Caineimages/live-pic/MidnightCaine.jpg

 

Es folgte der humoristische Beitrag, der auf keinem WGT fehlen darf. Nein, Noctulus hatte es diesmal nur wieder auf den Zeltplatz geschafft, wo er in altbekannter Manie(r) die Gäste unterhielt. Für Zwerchfellrisse sorgten heute auf der Parkbühne Midnight Caine aus Schweden, ihres Zeichens die wohl dreisteste Fields-Kopie des Planeten. Als wäre das Outfit des Gitarristen und des Sängers nicht schon lächerlich genug, demonstrierte letzterer auch noch ausgiebig, daß er sich wirklich jede einzelne McCoy-Pose bei unzähligen Stunden mit Fields-Live-DVDs abgeschaut haben muß. Noch dazu der Gesang, der mehr als nur bemüht nefilistisch klang. Hätten sie gute Songs, man könnte sich glatt fragen, warum man sich am Vorabend in die Agra drängte, wenn man das gleiche doch heute auf der wesentlich schmuckeren Parkbühne bekommt, aber Midnight Caine waren einfach nur peinlich und überflüssig. Am besten ganz schnell vergessen und erneut ab zur Agra.

 

 

Montag, 13.6.11 – Agra

 

images/live-pic/Coppelius.jpgCoppelius

 

Der Montag steht in der Agra traditionell im Zeichen des Mittelalters – auch wenn man das heute von den meisten Bands höchstens ganz am Rande behaupten konnte. Im weitesten Sinne wurde eher Metal geboten, teilweise auch von Bands, welche schon über 200 Jahre aktiv sind. So im Falle Coppelius, deren aktuelles Album „Zinnober“ mich ziemlich in Verzückung versetzt hatte, deren Liveshow mit aber bislang verwehrt blieb. Kammerdiener Bastille putzte mal eben die Bühne blank und klingelte dann seine Herrschaften auf selbige, und gemeinsam entfachte man innerhalb kurzer Zeit ein Inferno aus Cello, Klarinette, Gesang und wilder Show. Hier ging es ab, die Band nahm keine Rücksicht auf die feine Abendgarderobe sondern fegte über die Bühne, daß die Zylinder flogen. Ich wage zu behaupten, daß das trotz der ungewöhnlichen Instrumentierung eine waschechte Metalshow war, von deren Bewegungsreichtum sich manche gitarrenlastigere Band eine dicke Scheibe abschneiden könnte. Songtechnisch konzentrierten sich Coppelius stark auf ihr aktuelles Album und boten nach dem Opener „Der Handschuh“ u.a. „Risiko“, „Coppelius hilft“, „Gumbagubanga“ und „Diener 5er Herren“ dar. Und zur Zugabe, dem wunderschönen „Ade mein Lieb“, schafften sie es tatsächlich, daß sich nahezu das gesamte Publikum hinsetzte, um dem Stück zu lauschen. Großartiger Auftritt, vielleicht der beste des Festivals – bleibt nur zu sagen: Da capo!

 

 

Crimfallimages/live-pic/Crimfall.jpg

 

Was Crimfall anschließend boten paßte mal eben überhaupt nicht aufs WGT, aber mal reinschauen kann man ja. Schließlich bin ich auch ein großer Freund des Pagan Metals, aber diese finnische Horde wird mit Sicherheit nicht als unverzichtbar in die Chroniken des Stahls eingehen. Austauschbare, unspektakuläre Songs, eine Standard-Bühnenshow mit einem wirld kreischenden Sänger und einer möglichst theatralisch-trällernden Hobbysopranistin…kam mir irgendwie bekannt vor. Was nicht schlimm wäre, würde die Leistung stimmen, aber die ist bei Crimfall bestenfalls durchschnittlich. Gerade mal der letzte Song konnte als einigermaßen überzeugend durchgehen, ansonsten langweilte ich mich ziemlich und werde das vermutlich auch tun, wenn Crimfall demnächst sämtliche Heidenfest-, Paganfest- und Schützenfesttouren mitfahren.

 

 

images/live-pic/Moonsorrow.jpgMoonsorrow

 

Wie man es richtig macht, zeigten anschließend ihre Landsleute; entsprechend voller wurde es vor der Bühne. Ich hätte mir auch gerne die parallel auftretenden Hocico angesehen, aber dem Zauber Moonsorrows kann man sich eben nicht entziehen. Keine andere Band spielt Viking Metal so faszinierend, kompetent und magisch. So wurde auch dieser Auftritt zu einem feierwürdigen Ereignis; Moonsorrow begeistern immer, wie oft man sie schon gesehen haben mag. Henri Sorvali war nicht mitgekommen und ließ sich einmal mehr vertreten, die Band präsentierte sich trotzdem als feste Einheit und spielte wild entschlossen zum heidnischen Tanz auf. Im Vergleich zur Tour im März war die Setlist etwas verändert und wies endlich mal meinen persönlichen Lieblingssong der Band, das famose „Jumalten kaupunki“, auf. Geile Sache! Manch gestyltes Gruftmädel war fleißig am bangen, kann man ihr nicht verdenken. Bis zum nächsten Mal, wir sehen uns noch öfters wieder, meine Herren!

 

 

 

 

Mediaeval Baebesimages/live-pic/MediaevalBaebes.jpg

 

Deutlich ruhiger – und auch mittelalterlicher – wurde es dann mit der folgenden Truppe, welche nach den verschwitzten Herren auch mal was fürs Auge bot. Sieben hübsche Damen betraten die Bühne, um sich hinter Mikros zu postieren und im Chorgesang alte Weisen von sich zu geben, sparsam instrumentiert. Daß hier geschulte Stimmen am Werk waren, war schnell zu hören; die Vokalarrangements klangen sehr durchdacht, so daß mit den sieben Stimmen eine reiche Vielfalt hörbar wurde. Die Mediaeval Baebes hätten sich auch einen weniger plakativen Namen aussuchen können, denn was hier geboten wurde, konnte man durchaus als Ohrenschmaus bezeichnen. Allerdings hätte das Septett eher an einen atmosphärischen Veranstaltungsort gehört – Schauspielhaus, heidnisches Dorf oder Oper wären recht gewesen, in der atmosphärefreien Agra konnte sich die Musik nur bedingt entfalten. An passenderem Ort werde ich mir die Damen jedoch gerne erneut anhören.

 

 

images/live-pic/Eluveitie.jpgEluveitie

 

Ob Eluveitie Headlinerstatus haben, war mir nicht so ganz klar, dazu kenne ich die Band dann doch zuwenig. Meine einzige Livebegegnung mit ihnen liegt vier Jahre zurück, ist mir aber nach wie vor in guter Erinnerung. Dann kam 2009 noch das „Slania“-Album in Promoform auf mich zu, ebenfalls eine feine Sache. Somit freute ich mich durchaus auf den Auftritt – und wurde Opfer meiner persönlichen Festivalenttäuschung. Die wilde, ungestüme Performance der Frühzeit wurde durch professionelle Routine ersetzt, was bei dem Status, den die Band erreicht hat, vielleicht nicht ganz überraschend ist, trotzdem aber für einen bitteren Geschmack sorgte. Eingeübte, schleimige Ansagen sind jedenfalls ebenso wenig mein Fall wie routiniertes, eingeübtes Stageacting. Ich hatte nicht das Gefühl, einer echten Band zuzusehen, vielmehr einer Schauspieltruppe, die eine Metalband darstellt. Und musikalisch? Beide Daumen nach unten. Bin ja mit dem Werk Eluveities nur wenig vertraut, aber was es heute zu hören gab, läßt mich von einer näheren Beschäftigung Abstand nehmen. Die ersten paar Songs waren lupenreiner Metalcore, modisch und trendig, mit ein paar Alibifetzen Mittelalter obendrauf. Und auch das gelungene „Slania“-Material wurde heute recht leidenschaftslos und handzahm dargeboten, ich fühlte mich an gebremste In Extremo erinnert. Ich wiederhole: Eluveitie waren mein ganz persönlicher WGT-Reinfall 2011, weshalb ich nach der Hälfte der Spielzeit die Agra verließ. Das Fußvolk feierte noch, ich beschloß das Festival eigenmächtig. War trotzdem einmal mehr ein sehr lohnenswerter Abstecher nach Leipzig. Spätestens nächstes Jahr sind wir wieder an Bord.

 

 

Bericht & Fotos: Till


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