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Interview mit Sebastian Ritter (Schüchtern)

Erstaunt traf ich im letzten Jahr durch mehrere Zufälle auf die Mainzer Band Schüchtern und musste feststellen, hier ist eine sowohl textlich als auch musikalisch hochwertige Deutschrock-Pop-Punkband am Start mit leichten Metaleinflüssen. Zeit für ein Interview mit Bandleader Sebastian Ritter.

 

Totentanz: Hi Sebastian, wie geht’s dir so im Anfang des zweiten Corona Jahrs?

 

Schüchtern: Hi Robin, also ich würde sagen, es ist momentan zwiegespalten. Zum einen fehlen mir echt brutal unsere Konzerte, zum anderen hat es einem diese komische Zeit schon ermöglicht, sich auf Sachen zu konzentrieren, die sonst vielleicht zu kurz kommen. Ich habe die Einschränkungen glaube ich ganz gut dafür genutzt, einige Dinge zu sortieren und Sachen, die mir eher eine Last waren, komplett loszuwerden. Die freigewordene Zeit habe ich dann genutzt, um unser zweites Album „Luft nach unten“ an den Start zu bringen.

 

TT: Wie lange gibt es denn die Band schon? War von Anfang an die Intention, eine Band in diesem Stil, den ihr jetzt verkörpert zu gründen oder habt ihr euch einfach zusammengetan und das kam dabei raus?

 

S: Haha, es war ganz am Anfang gar nicht geplant, überhaupt eine Band zu machen! Ich hatte in Mainz auf dem Open Ohr 2009 die Kapelle Petra gesehen, irgendwann montags am letzten Festivaltag schon halb im Delirium und war mir relativ schnell sicher, noch nie so was Lustiges erlebt zu haben. Und ich dachte mir: okay, die spielen mit der deutschen Sprache, wie man es eher von Singer- Songwritern kennt, aber bringen trotzdem das Ganze als echte Rockband rüber. Die Mischung ist 100% mein Geschmack, sowas könnte ich mir auch vorstellen. Ich muss gestehen, dass ich als Kind musikmäßig komplett mit Reinhard Mey sozialisiert wurde. Musikalisch waren später allerdings eher immer die härteren Bands mein Ding, über Gary Moore bin ich relativ schnell beim Power- und Thrash Metal gelandet, habe auch in den 90ern noch mit großer Begeisterung in entsprechenden Bands gespielt. Und warum sollte man aus den Einflüssen nicht etwas Neues zusammenfügen? Mit Daniel und Huey hatte ich schon vorher in diversen Bands zusammen gespielt, daher haben wir das einfach mal probiert, als sich 2014 unsere vorhergehende Band auflöste.

 

TT: Ich hab euch als eine Mischung aus Die Ärzte, J.B.O. und Bela B beschrieben, kannst du damit leben oder würdest du noch oder nur anderes aufzählen?

 

S: Die Genannten gefallen mir sehr gut, ist ja fast schon eine Ehre, mit denen in einen Topf geworfen zu werden. Klar, wenn man zu dritt deutschen Rock macht, dann wird man auch sehr schnell mit den Sportfreunden Stiller verglichen, doch da liegt der Fokus bei uns schon eher auf etwas anderem. Ich glaube, dass bei uns eine gewisse Ironie und Abgründigkeit in den Texten drin ist, die tatsächlich mehr zu den Ärzten oder JBO passt als zu den üblichen Deutsch-Pop-Bands. Wir haben eigentlich kaum einen Text, in dem nicht noch einen zweite, manchmal auch fiese Ebene hintendran sitzt, die sich erst beim zweiten oder dritten Hinhören offenbart.

 

TT: Im Netz hab ich gesehen, dass Videos zu manchen Songs auf dem Album durchaus schon Jahre auf dem Buckel haben. Ist das eure normale Vorgehensweise? Sprich, ihr geht nicht unbedingt ein Album an, sondern schreibt einzelne Songs, bringt die raus und veröffentlicht die dann, wenn genug da ist, auf einer CD?

 

S: Naja, das hat sich nach unserem ersten Album so ergeben. Das haben wir erst 2017 aufgenommen und wollten unbedingt chronologisch unsere ersten Songs draufpacken. Das Problem war, dass wir 2017 eigentlich schon fast die Songs für zwei Alben zusammen hatten, aber ein Doppelalbum als Debüt wäre ja irgendwie auch etwas größenwahnsinnig. Auf der anderen Seite gab es da ein paar neuere Songs, von denen wir sicher waren, dass sie unbedingt schon ein Video benötigen, daher läuft das bei uns ein wenig durcheinander. Es könnte also auch durchaus passieren, dass wir jetzt nochmal auf die Idee kommen, ein Video für einen Track vom ersten Album zu produzieren, wir hätten da noch ein paar Ideen…

 

TT: In einem neuen Video wie auch auf der CD gibt es einen mystischen kleinen blauen Raum. Erklär mal bitte.

 

S: Oh ja, von dem Raum habe ich nach dem Videodreh glaube ich mehrere Nächte geträumt. Ein Freund von mir, Volker, Besier, der für unser Artwork und viele weitere kreative Dinge rund um die Band zuständig ist, hat ein Haus geerbt, das zu dem Zeitpunkt leer stand. Und unter der Kellertreppe war ein ca. 1,5x1,5x1,5 m großer Raum, eigentlich eine Zisterne, der also als Wasserspeicher benutzt wurde, aber seit Jahren leer stand. Volker kam dann auf die tolle Idee, uns da reinzusperren und passend dazu ein Video für den Song „Luft nach unten“ zu produzieren. Als das Video fertig war, hat es sich eigentlich von selbst ergeben , dass das auch unser Titel fürs Album sein musste, die Aufnahmen da unten waren einfach zu geil…

 

TT: Kommen wir mal auf die schön intelligenten und mit leisem Witz unterlegten Texte, die gekonnt mit den Worten spielen, wie z.B. „Zwischen den Bildern“ zeigt. Woher kommen so coole Einfälle?

 

S: Der Text zu „Zwischen den Bildern“ ist mir beim Netflixen eingefallen. Ich habe irgendeinen Superhelden-Film gesehen, es war mehr eine Satire, bei der der Held eigentlich gar kein Held war und immer nur darauf gewartet hat, dass etwas passiert, um endlich loszulegen. Als sein „Gehilfe“ ihn dann fragte, warum man diese Langeweile nicht in Comics sehen würde, antwortete er, das passiere halt eben im Comic immer nur „zwischen den Bildern“. Fand ich ein supergutes Bild und hat mich direkt zum Text inspiriert. Und die Frage, warum Lucky Luke trotz 50 Kippen am Tag nie zum Lungenarzt muss, ist ja eigentlich auch von gesellschaftlicher Bedeutung und vielleicht sogar wichtig für die Forschung. Grundsätzlich beobachte ich einfach gerne das Geschehen um mich rum, oft werden nicht nur eigene, sondern auch die skurrilen Geschichten von Freunden und Bekannten zu einem Songtext. Die meist etwas ironische Betrachtungsweise der Dinge liegt für mich dabei völlig nahe, denn was ist schon normal in dieser Welt?

 

TT: „Gendersternchen“ zeigt mit dem nötigen Respekt die Probleme auf, die mit dem ganzen Genderwahn entstehen. Habt ihr da keine Angst, euch Gegenstimmen einzufangen? Schließlich ist dies nicht ganz politisch korrekt, wenn man sich im weltoffenen, linken Spektrum bewegt, oder kommt hier vielleicht auch endlich mal der punkige Rebell zum Vorschein, der auch mal in der eigenen Ecke anprangert, was in den letzten Jahren durch eben die political correctness ja irgendwie verboten schien?

 

S: Ach, eigentlich mache ich mir da keine Sorgen. Gegenstimmen bedeuten ja zumindest, dass sich jemand Deine Songs angehört hat, dann ist das auf jeden Fall legitim, eine andere Meinung als ich zu haben (wenn auch zweifelhaft, haha!). Der Song geht ja nicht gegen das Gendern an sich, sondern nur gegen die Art, wie es umgesetzt wird. Wenn übereifrige Journalist*innen im Fernsehen jedes Mal einen Schluckauf kriegen, weil sie das *innen mit einer kurzen Pause vom Wort abtrennen, dreht sich mir als selbsternanntem Sprachästheten einfach der Magen um. Warum nehmen sie sich nicht die Zeit, dann wenigstens meinetwegen die „Zuschauer und Zuschauerinnen“ einzeln zu erwähnen? Davon mal abgesehen: ein punkiger Rebell gegen das linke Spektrum? Nein, das bin ich auf keinen Fall. Man kann über übertriebene Political Correctness sicher lachen, schimpfen und sehr gut Songs schreiben. Aber vom Grund her ist sie immer noch gut gemeint und mir tausend Mal lieber als das intolerante Gestachele von der anderen Seite. Da gibt es mehr zu tun.

 

TT: Beim Song „Beer Pong“ erinnern mich die Riffs und der Sound dezent an Rammstein. Absicht?

 

S: Das ist mal ein cooles Kompliment, danke! Der Song Beer Pong stellt schon irgendwie ein Extrem dar, sowohl textlich als auch musikalisch. Hauptmotto: Gehirnbefreit.
Entstanden ist die Idee zu dem Song, als ich meinen mittlerweile erwachsenen Töchtern auf deren Partys beim Beer Pong-Spielen zuschauen durfte. So ein blödes Spiel, wo der Verlierer säuft und der Gewinner nüchtern bleiben muss, was soll das denn bitte?!?
Endgültig umgesetzt haben wir ihn, als wir mal für ein Event in einer Location angefragt wurden, in der Beer Pong Meisterschaften ausgetragen wurden. Da dachten wir, wir bräuchten noch irgendwas Passendes. Und dass musikalisch bei so etwas Reinhard Mey nicht der Richtige wäre, war uns natürlich auch klar. Speziell wie Rammstein sollte der Song nicht unbedingt klingen, aber sobald ein härteres Riff auf Keyboards oder Sequencer trifft, hat man natürlich schnell Rammstein im Kopf. Da steckt aber auch genauso viel Green Day drin oder, ich traue es mich gar nicht auszusprechen, in den Strophen vielleicht sogar die Sportis. Egal, das Event ist auf jeden Fall dann ausgefallen, aber den Song hatten wir fertig. Jetzt machen wir einfach bei unseren Konzerten immer eigene Beer-Pong Meisterschaften mit dem Publikum, wenn wir ihn spielen.

 

TT: Du betonst ja auch immer wieder, dass du ursprünglich oder eigentlich aus der Metal Ecke kommst. Wie nah bist du da noch? Hörst du da „nur“ die alten Helden oder bist du durchaus beim Hören da noch in der Szene drin?

 

S: Doch, da bin ich mittlerweile wieder ziemlich up to date. In den 90ern hatte ich allerdings zwischenzeitlich das Gefühl, dass in Sachen Metal alles erzählt sei und dass nach Pantera nur noch tiefer und härter kommen würde, daher hatte ich zeitweise etwas das Interesse verloren. Und ok, für mich ist Seventh Son of A Seventh Son das geilste Maiden Album überhaupt, das ist jetzt nicht gerade taufrisch. Aber ich habe dann doch gemerkt, dass sich über den Nu Metal und einige geile neuere Bands die Musikrichtung stetig weiterentwickelt hat und auf keinen Fall, wie so oft prophezeit wurde, tot ist. Neben der Retro-Schiene, die ich nicht so spannend finde, gibt es schon einige innovative Bands, die sich noch was Neues einfallen lassen.

 

TT: Du bist auch zusammen mit Sven Hieronymus (Mainzer Stand Up Comedian) in einer eigenen Radioshow Moderator bei RPR. Erzähl doch ein bisschen darüber und wie es dazu kam.

 

S: Das ist eine sehr witzige Sache, die ich nicht mehr missen möchte. Sven hatte diese Sendung, den Rockertreff bei RPR1 bekommen und brauchte vorab zum Üben jemanden, der ihm als „Interview-Gast“ dienen konnte. Als Bassist unserer gemeinsamen Band „Se Bummtschacks“ lag es daher nahe, dass er mich fragte. Wir machten also vier Probesendungen, am Ende war es echt öde, weil er mich immer das Gleiche fragen musste, dann kamen die ersten Live-Sendungen. Da wollte ich natürlich dabei sein, um zu sehen, wie es läuft. Nach ein paar Sendungen haben wir dann entschieden, dass ich, wenn ich schon da bin, auch ein eigenes Mikro bekommen sollte. So entstand dann meine Figur des „Dr. Rock“, der immer (fast) alles in Sachen Rock und Metal besser weiß als der Moderator selbst und ihn auch gerne mal mit großer Arroganz korrigiert. Jetzt zu Corona-Zeiten hat sich das allerdings auch wieder weiter entwickelt, wir dürfen keine Talk-Gäste mehr einladen und machen die Sendung nur noch zu zweit. Und wir kennen uns mittlerweile so lange, dass unsere Talks alleine fast die witzigsten sind, das ist wirklich wie das Dummgelaber von Freunden in der Kneipe, was auch bei den Hörern super gut ankommt, weil es einfach natürlich ist.

 

TT: Nehmen wir an Corona verpisst sich jetzt endlich mal, wo und wie und wann kann man euch live sehen? Tretet ihr nur Regional auf, plant ihr Tourneen, evtl als Vorband eines größeren Acts? Spielt ihr Festivals?

 

S: Im Moment planen wir eigentlich konkret noch nichts für live, einzelne Anfragen liegen uns zwar vor, aber man kann sich ja irgendwie kaum vorstellen, dass es mal wieder wie früher werden könnte. Die Liveplanung ist vielleicht bei uns auch der größte Pferdefuß von allem. Wir wissen, dass wir sowohl in kleinen Clubs als auch auf Festivals super ankommen, aber uns fehlt beim Booking der letzte Biss bzw. letztendlich einfach ein Booker, der uns mal auf ein paar Festivals unterbringen würde. So sind wir hauptsächlich auf das Rhein-Main Gebiet und die Pfalz beschränkt, hätten aber auch nichts dagegen und den nötigen Enthusiasmus, auch in weiter entfernten Regionen zu spielen. Also, ihr motivierten Booker, meldet Euch bei uns!

 

TT: Sebastian, ich danke dir für dieses Interview und wünsche euch noch viel und mehr Erfolg mit eurem coolen neuen Album „Luft nach unten“, denn da ist auf jeden Fall noch welche oben ;-)

 

S: Danke Robin, das wünschen wir uns auch! Alles Gute für Dich, das TT und alle Leser! Bleibt gesund!

 

(Röbin)

 

https://www.wirsindschuechtern.de/

 

Review zur CD "Luft nach unten" von Schüchtern

 


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