Aktuelles Magazin

totentanz nr. 29

Totentanz on

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SchändungSchändung von Jussi Adler-Olsen

 

Um es gleich einmal vorweg zu nehmen, an das vielversprechende Debüt „Erbarmen“, kommt das Zweitlingswerk „Schändung“, des völlig überbewerteten dänischen Autors Jussi Adler-Olsen, leider bei weitem nicht heran. Ein zerfahrener, undurchdachter Plot, etwas bizarr und verwirrend am Anfang, zeitweise gar ad absurdum geführt, lesen sich die 459 Seiten bisweilen, wie die ersten Gehversuche eines Kleinkindes. Der Schreibstil ist oftmals holprig, was allerdings auch an der schwachen Übersetzungsleistung liegen kann. Tiefgründigkeit sucht man bei Adler-Olsen vergebens, wobei man ihm zu Gute halten muss, dass es sich bei seiner Carl Mørk Reihe um Kriminalfälle im Trivialliteratur Bereich handelt, die ja nicht zwingend bedeutungsschwangere Inhalte bieten müssen, sondern in erster Linie unterhalten sollen. Einen gewissen Unterhaltungswert möchte ich dem, 2010 hierzulande erschienenen, zweiten Fall für Carl Mørk und seinen Assistent Assad vom Sonderdezernat Q auch gar nicht in Abrede stellen, aber das Storyborad wirkt doch arg konstruiert und nicht zuletzt dadurch stellenweise etwas konfus. Die Hintergründe kommen gelegentlich etwas plump daher, sind leidlich übertrieben, grotesk und unglaubwürdig. Die beiden Haupterzählebenen ranken sich zum einen, in der Vergangenheit, um eine verzogene Internatsclique der achtziger Jahre, die ihre sadistische Ader an Mitschülern, Lehrern aber auch wildfremden, zufällig auserkorenen Opfern auslebt und Spaß am Anderssein hat. Zum anderen in der Gegenwart, in der Carl Mørk und Assad vom Sonderdezernat Q für ungeklärte Mordfälle, mit der Aufklärung eben solcher „Cold Cases“ befasst sind. Der ehemaligen Internatsclique, indes zu eiskalten, gefühlskranken, skrupellosen, widerlichen Bonzen in ihren Mittvierzigern herangewachsen, steht mit Carl Mørk ein grammeliger, rauer, ungenierter und ungehobelter Ermittler gegenüber. Diese durchgeknallten „Yuppies“ sind reich, dekadent, sadistisch und asozial. Sie lieben die Jagd, wobei die Wahl ihrer Opfer keinesfalls von Willkür getrieben und nicht immer ganz legal ist. Aber wen kümmert das, so lange sich mit Geld noch alles regeln lässt. Daneben steht Kirsten-Marie, kurz Kimmie genannt, die als ehemals fester Bestandteil und treibende Kraft der Internatsclique, selbigen mehr oder weniger zur freien sexuellen Verfügung stand, bis es zu einem unheilschwangeren Übergriff auf ihre Würde und Unversehrtheit kam. Auch wenn Carl, dem man mit Rose eine zwar unerwünschte, aber zusätzliche helfende Hand zugeteilt hat, die weiteren Ermittlungen von höchster Ebene untersagt werden, man ihn gar zeitweise suspendiert, schießt der alte Sturkopf mal wieder quer und ermittelt dennoch in dem Fall, gegen die angeblich ausdrückliche Order der Polizeipräsidentin. Da sich vermehrt seltsame Dinge in Carls Umgebung ereignen, wird dieser allmählich hypernervös und wirft sich schon mal vor dem Drehen des Zündschlüssels aus seinem stehenden Dienstwagen, um einem nicht präsenten Bombenanschlag zu entgehen. Adler-Olsen springt in „Schändung“ leider oftmals ohne Punkt und Komma zwischen Handlungsorten und seinen Personal hin und her, was im ersten Moment immer mal ein wenig verwirrt. Vielleicht will er sich damit der Aufmerksamkeit der Leserschaft gewahr werden. Meiner bescheidenen Meinung nach macht es das Verständnis der Kausalitäten zwischen den Ereignissen aber eher schwieriger. Obschon ich den ersten Carl Mørk Fall gar nicht so schlecht fand, werde ich mir den dritten Teil wohl eher nicht antun. Dass ein solches Buch wie „Schändung“ zu einem Bestseller avanciert, macht mich schon irgendwie stutzig und lässt mich an der Integrität und dem ehrlichen Urteilsvermögen so mancher Leser zweifeln. Good bye, Jussi! Du hattest nach den Sternen gegriffen und dabei lediglich ein paar Eintagsfliegen zwischen die Finger bekommen.

 

(Janko)

Baconsky, Anatol E. - Das Äquinoktium der Wahnsinnigen Das Äquinoktium der Wahnsinnigen - Anatol E. Baconsky

(Blitz Verlag)

 

- Der Mensch, die Stadt und das Meer, säen Einsamkeit, Zwietracht und Tod -

 

„Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" ist eine Sammlung von insgesamt elf mythischen und nebulösen Kurzgeschichten auf 208 Seiten, die 1967 im Original unter dem Titel „Echinoxul nebunilor si alte povestiri“ erschienen sind. Die Erzählungen des rumänischen Schriftstellers Anatol E. Baconsky (1925-1977), die sich rund um Tod und Verderben ranken, sind durch ihren prosaischen Schreibstil nicht immer ganz leicht zu lesen oder auf Anhieb zu verstehen. Das Äquinoktium bezeichnet dabei die Tag-und-Nacht-Gleiche, also die beiden Tage eines Jahres, in der Tag und Nacht gleich lang sind. Sie bestimmen den kalendarischen Frühlings-, bzw. Herbstanfang. Die kurzen Stories haben über die Jahre leicht Patina angesetzt und dürften gerne ein wenig spannender gestaltet sein. Sie handeln von einsamen Menschen, ihrem tristen Umfeld und ihren ausweglos erscheinenden Situationen. Sie leben zumeist in kleineren Städten​ voller Verschwiegenheit und Missmut, sinnieren über ihr Leben und hängen ihren kranken Gedanken, sowie ihren merkwürdigen Phantasien nach.

 

Sämtliche, aus der Ich-Perspektive geschriebene Geschichten drehen sich um das Meer als Bringer und Nehmer, den Wind als Gedankenträger, den Strand als Sehnsuchtsort und die Stadt als einsamste aller Gegenden. Diese wiederkehrenden Metaphern, Gegenstände, Beschreibungen und Örtlichkeiten sind stets veranschaulichte Trugbilder der vergeistigten Leere der ureigenen​ Nonexistenz. Es geht um das Unbekannte, Geheimnisvolle, Unaufgelöste, in all seiner grau-schwarzen Farbenpracht. Alles bleibt unter einem Schleier im Verborgenen. Wie hypnotisiert lassen die Protagonisten das selten greifbare Unheil über sich hereinbrechen. Fühlen sich gar in dessen Bann gezogen. Es sind einsame Menschen in trostlosen Gegenden. Der Autor erzeugt eine gewisse Grundstimmung voller Hoffnungslosigkeit. Finstere Gestalten wuseln zu nachtschlafenden Zeiten umher, säen die Saat von Hass und Qual. Existenz und Nonexistenz der Protagonisten verschwimmen ineinander. Selbstzerstörerische Gedanken nisten sich in ihre Gehirne. Die Geschichten bleiben stets offen und bieten Möglichkeiten für unterschiedliche Interpretationen. Ein metaphorischer Quell der Inspiration.

 

Ich für meinen Teil kann mit den Kurzgeschichten allerdings nicht allzu viel anfangen, sind sie mir letztlich doch etwas zu trocken, zu spannungsentladen und nicht zuletzt daher doch auch schwer verdaulich. Es sind phantastische Geschichten, die kaum echte Spannung aufkommen lassen und Edgar Allan Poe ganz klar den Vortritt einräumen. Hinzu kommt noch der, bereits angesprochene, nicht immer ganz leicht zu lesende oder eher schon als gewöhnungsbedürftig zu bezeichnende, lyrische Erzählstil, der kaum Dynamik besitzt. Auch dürften die kurzen Geschichten gerne tiefgründiger und leidenschaftlicher ausgeschmückt sein. „Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" verlangt einiges an Konzentration und eignet sich kaum zum nebenbei lesen.

 

Anatol Emilian Baconsky starb am 04.03.1977 bei einem Erdbeben in Bukarest, als er gemeinsam mit seiner Frau und ein paar Freunden die Drucklegung seines Buches „Remember“ („Wie ein zweites Vaterland“) feiern wollte. Die Feier fand in einem Hochhaus statt, das bei besagtem Erdbeben komplett in sich zusammenstürzte.

 

(Janko)

 

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.blitz-verlag.de/index.php?action=buch&id=1760

Bragi, Steinar - HochlandSteinar Bragi - Hochland

(DVA)


Dass sich der isländische Autor Steinar Bragi mit seinem eher unkonventionellen Plot nicht nur Freunde, sondern auch Feinde innerhalb der Lesergemeinde machen würde, war von vornherein abzusehen. Sein neuestes Werk „Hochland“ ist schwer einzukategorisieren, denn es ist nicht leicht zu greifen und irgendwie weder Fisch noch Fleisch. Ist es nun subtiler Horror, ein Psycho Thriller, ein surreales Psychogramm oder etwas aus der Reihe Phantastik? Die Richtung, des 302 Seiten starken Romans ist nicht eindeutig definiert und irgendwie ist er alles und gleichzeitig nichts davon. Die Sprache ist zu Beginn etwas holprig, was durchaus an der Übersetzung liegen mag, der Spannungsbogen ist langatmig gestaltet, es wird wenig Lokalkolorit eingestreut und erst ganz am Schluss nimmt der Plot so richtig Fahrt auf. Dann wirft die Geschichte allerdings mehr Fragen auf, als sie beantwortet, was auch der Grund für die vielen negativen Meinungen sein dürfte, die ich allerdings nicht ganz teilen mag. Die angedeuteten Geschehnisse sind zum Teil Metaphern auf die wirklichen Hintergründe und den verrückt gewordenen Geist, der dieser Geschichte innewohnt.

 

Am Anfang macht sich ein typischer Horror Thriller Plot nach amerikanischem Vorbild breit, taucht im Laufe der Erzählung aber in eine eigentümliche, fremdartige Symbiose aus den vorgenannten Stilen ab. Zwei junge, urlaubsreife Pärchen fahren gemeinsam mit ihrem Hund Tryggur (was so viel wie "treu" bedeutet) durch Islands menschenleeres Hochland, welches zugleich Europas größte Wüste darstellst. Durch Unachtsamkeit kommen die jungen Leute bei Nacht und Nebel von der Straße ab. Verzweifelt versuchen Hrafn, Vigdís, Anna und Egill die Straße wiederzufinden und verfahren sich immer weiter in den windgepeitschten Sandflächen. Als sie den Wagen schlussendlich gegen eine Hauswand lenken, findet ihre Fahrt ein jähes Ende. Zum Glück nur leicht verletzt, finden Sie Unterschlupf bei den alten, verschrobenen Bewohner des Hauses, welche selbiges nach außen hin wie eine Festung verbarrikadieren, denn merkwürdige Dinge geschehen dort draußen. Was sich zu einem tödlichen Trip durch die Sand- und Felswüste Islands auswächst, ist eine surreale Exkursion in menschliche Abgründe, der ein klein wenig mehr Seele sicherlich gut getan hätte. Man meint recht früh zu ahnen, in welche Richtung der Plot marschiert, aber es bleibt vieles offen und der Fantasie des Leser überlassen, was im Prinzip gar nicht so verkehrt ist, denn ein Buch, auch wenn es wie in diesem Fall nicht das tiefgründigste ist, soll doch in erster Linie unterhalten und in zweiter Linie zum Nachdenken anregen und das tut es ganz offensichtlich. Die Gruppe wird zum Teil richtig philosophisch, agiert aber das ein oder andere Mal etwas „strange“. Die jungen Leute scheinen des Weiteren ein arges Alkoholproblem zu haben. Leider schleichen sich auch immer mal wieder ein paar plumpe Bemerkungen zu den Vorkommnissen ein, die das Lesevergnügen ein wenig schmälern. Zwischendurch wird immer mal wieder die Vergangenheit der vier Protagonisten beleuchtet, welche alles andere als sympathisch gezeichnet sind, was ein gewisses Empathieempfinden des Lesers, mit der misslichen Lage in der sich die jungen Isländer befinden, erschwert. Ihnen allen lastet eine angeschlagene Psyche an und sie fechten permanent Kämpfe mit ihren inneren Dämonen aus. Merkwürdige Geschehnisse, sonderbare Verhaltensweisen, kleine Nicklichkeiten untereinander. Sie sind sich untereinander auch nicht grün und nutzen nahezu jede Gelegenheit die sich bietet, das jeweilige Gegenüber zu denunzieren. Das Hochland scheint Spannungen hervorrufen und die Verhaltensweisen der jungen Leute nachhaltig zu beeinträchtigen. Sie werden im Laufe der Geschichte immer schizophrener und fangen allmählich an durchzudrehen. Nichts ist wirklich, nichts ist fassbar, nichts ist evident.

BRAGI, STEINAR 150 x 165

 

Bragi baut eine immer subtilere Spannung auf. Es dauert allerdings eine halbe Ewigkeit, bis etwas nennenswertes passiert. Man hätte das Ganze in seiner surrealistischen Dramaturgie gerne mehr in die Breite ziehen dürfen, den Plot tiefgründiger gestalten, dem Kausalismus ein weitergehendes Augenmerk schenken und der morbiden Diversität einen größeren Handlungsspielraum einräumen sollen. „Hochland“ ist ein surrealer, atypischer Horror Roman geworden, der mich von seiner Grundstimmung her ein wenig an den Film „Lost Highway“ von David Lynch erinnerte.

 

(Janko)

                    

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           © Salomonsson Agency

Bauer, Josef Martin - So weit die Füße tragenBauer, Josef Martin - So weit die Füße tragen

(Bastei Lübbe)

 

- Ein zermürbender Todesmarsch -

 

„So weit die Füße tragen“ ist die Erzählung des jungen, deutschen Wehrmachtangehörigen und Kriegsgefangenen Clemens Forell [(eigentlich Cornelius Rost (1919–1983)], der Ende des zweiten Weltkriegs zu 25 Jahren Zwangsarbeit in einem russischen Bleibergwerk am Ostkap (Kap Deschnjow) verurteilt wird und von dort zu fliehen versucht. Er schuftet Tag ein Tag aus, wird krank oder gibt hin und wieder an krank zu sein, damit er nur einmal kurz ausbrechen kann, aus der ewigen Dunkelheit und der beklemmenden Bedrängnis des todbringenden Bleibergwerks. Dabei schmiegt er erste Pläne für eine irrwitzige Flucht.

 

Der 1955 erschienene und in 15 Sprachen übersetzte Erfolgsroman von Josef Martin Bauer beruht angeblich auf Tatsachen, deren niedergeschriebene Erlebnisse so zermürbend sind wie ein Todesmarsch. Ein verzweifelter Todesmarsch durch die eiskalte Hölle Sibiriens. Ständig auf der Flucht, von nichts weiter umgeben als Eis, Kälte und ewiger Weite. Weit über 14.000 Kilometer legt Clemens Forell hierbei zurück. Die Entfernungen im Buch werden jedoch stets in „Werst“ angegeben, was etwa einem Kilometer (1066,78 Metern) entspricht.

 

Die Geschichte beginnt, als im Dezember 1945 ein Zug mit deutschen Kriegsgefangenen durch das karge, schneebedeckte Russland fährt. Monatelang durch halb Sibirien bis zum Baikalsee. Ab und an, wenn der Zug in arktischer Kälte für Stunden steht, wird eine Wanne lauwarmer Kartoffeln hineingeschüttet. Dann darf auch ein Arm voll Feuerholz hineingeholt werden, aber erst nachdem die Toten hinausgelegt wurden. Viel zu wenig Feuerholz um die kalten Wagons in ausreichendem Maße zu heizen. Am ersten Etappenziel Tschita angekommen, sattelt man für den nächsten, qualvollen Abschnitt auf Pferdeschlitten um. Weitere 40 strapaziöse Reisetage ziehen ins Land, in denen elendiglich weitergestorben wird. Das darauffolgende Teilstück zieht sich auf Hundeschlitten fort. Anschließend geht man noch wochenlang zu Fuß. Eine Flucht erscheint aufgrund der Bewachung, der kargen Landschaft und des ewigen Eises mehr als aussichtslos. Es ist eine nie enden wollende Totenwanderung, bei der so mancher auf der Strecke bleibt. Und als man endlich an der Station am Ostkap ankommt, sind von ursprünglich 1.950 Mann gerade noch 1.236 übrig. Josef Martin Bauer erzählt Clemens Forells‘ Geschichte recht nüchtern und sinniert im Allgemeinen wenig über die Strapazen dieser Odyssee. Der Leser muss also seiner Phantasie zusätzlich Antrieb geben, um auch nur annähernd die Qualen und das Elend nachvollziehen zu können, das auf die Totgeweihten mit ihrer Verurteilung hereinbricht. Der intellektuell gehaltene Schreibstil Bauers ist an die vierziger Jahre des letzten Jahrtausends angelehnt, hat etwas Patina angesetzt und verhält sich gegenüber dem Lesefluss daher etwas kontraproduktiv. Die verwendete Sprache ist also gerne mal ein wenig sperrig, passt deswegen aber auch besonders gut zum Zeitgeist, den Gegebenheiten und den Gefahren, denen Clemens Forell im Laufe der Zeit ausgesetzt ist.

 

In der Kaserne am Ende eines Bergwerksstollens, ohne Einrichtung oder Stroh zum Hinlegen, werden die Männer nach ihrem kräftezehrenden Marsch untergebracht. Quasi arbeitsnah im Bleibergwerk. Es gibt generell wenig zu essen. Nur so viel, dass möglichst keiner stirbt. Der Hunger ist also ein ständiger Begleiter und auch die Dunkelheit. Als viele der Männer an Typhus erkranken und auf eine provisorische Krankenstation gebracht werden, schmieden Forell und sein Kumpan Dechant die ersten Fluchtpläne. Doch dazu kommt es nicht mehr, denn Clemens Forell wird gemeinsam mit dem Strafgefangenen Lothar Eisemann dazu auserkoren, eine bewachte Versorgungsfahrt auf Hundeschlitten zu begleiten. Mit Aufseher Wassilij machen sie sich zu dritt auf den dreiwöchigen Weg zu einer Hafenstadt am Meer. Bei dieser Gelegenheit beschließt Clemens zu fliehen. Es ist eine nahezu aussichtslose Flucht abertausende Kilometer durch die eisige Wüste Sibiriens, des Kaukasus und über das Uralgebirge. Mit Proviant für vielleicht zehn Tage. Als Wassilij tief und fest schläft, nutzt Clemens seine Chance. Er muss den eigentlich sehr netten Russen Wassilij glücklicherweise nicht töten und ihm gelingt die Flucht.

 

Forell muss aufpassen, dass er nicht schneeblind wird. Er will ein Pensum von mindestens 30 Kilometer am Tag schaffen, was kaum zu schaffen ist. Am elften Tag, als er schon fast nicht mehr klar denken kann, gerät er in eine Kontrolle. Forell wird festgenommen und letztlich wieder seiner Kommandantur am Ostkap überstellt, wo das langsame Sterben von neuem beginnt. Auf Anordnung der Russen wird der Flüchtige von seinen Kameraden im Spießrutenlauf bestraft. Mit allerlei erdenklichem Einfallsreichtum wird auf Clemens eingedroschen. Bis er bewusstlos zu Boden geht. Dann hören die Männer auf, die bereits geschlagen haben. Doch diejenigen, die noch nicht zum Zuge gekommen sind, prügeln weiter ohne jede Rücksicht auf den reglos am Boden liegenden Kameraden Clemens Forell ein. Wieder zurück im Berg überkommen ihn Angstzustände. Er redet nicht mehr so gerne mit den anderen. Vom unförmigen Stiel seiner Spitzhacke bekommt er offene Blutblasen an den Händen. Die Arbeit im Bleibergwerk ist hart. Die Gefangenen kommen nur selten ans Licht. Und so vergeht Jahr um Jahr mit der Arbeit im dunklen Bleibergwerk. Die mühselige Arbeit, ohne auch nur ein Quäntchen Hoffnung, macht die Kriegsgefangenen mürbe. Keiner traut sich gegen die Russen mobil zu machen. Und so verrinnt jeder neuerliche Tag in Schweiß, Demut, Krankheit und hirnzermarternder Sinnlosigkeit. Gequält und angetrieben von der Liebe zu seiner Katrin macht sich Forell zwei Jahre nach seinem ersten Fluchtversuch dann doch auf zu einer erneuten Flucht und auf den äußerst beschwerlichen, wie auch gefährlichen Weg nach Hause. Die jeweils aufgenommenen Strapazen kommen jedoch nicht richtig zur Geltung und bleiben eher hintergründig, was doch arg befremdlich ist, sollte dies doch eines der Hauptaugenmerke eines solchen Tatsachenromans sein.

 

Im Laufe der Zeit werden von verschiedenen Insassen Fluchtversuche unternommen, von denen einer über Alaska sogar bei den Amerikanern endet, die den Flüchtigen allerdings prompt wieder an die Russen ausliefern. So heißt es also: Es bleibt nur die Möglichkeit über die Weiten Sibiriens nach Hause zu gelangen. Zwei weitere Flüchtige werden keine zehn Kilometer vom Lager erfroren gefunden. Dechant, ein Mitgefangener Forells will es dann dennoch wagen und erhält dabei Unterstützung von dem deutschen Kasernenarzt Dr. Stauffer. Dechant gibt sein Vorhaben jedoch vorzeitig auf. Die Überbleibsel der Fluchtvorbereitungen Dechants sind jedoch noch vorhanden und befinden sich in Dr. Stauffers' Obhut. Als Forell wegen einer Lungenentzündung ins Lazarett kommt, übernimmt er kurzerhand die aufgegebene Planung Dechants. Vor Angst vor Entdeckung, aber auch seiner Liebe zu Katrin wegen, macht sich Clemens Forell abermals auf den beschwerlichen, unvorstellbar strapaziösen Weg. Die klirrende Kälte Sibiriens, die schier endlosen Weiten, die Gefahren des Entdecktwerdens, den Tod als ständigen Begleiter an seiner Seite wissend, marschiert und marschiert und irrt Forell fast ganze drei Jahre lang durch die Einöde des weltgrößten Kontinents. Der Ausbrecher läuft und läuft und läuft und der Horizont, der aus lauter glitzernden Glasscherben zu bestehen scheint, macht den Anschein, als ob er vor ihm fliehen würde. Mit einem sehr kleinen Kompass ausgerüstet, der ihm nur grob die Richtung vorgibt, irrt Clemens Forell durch Sibirien und gerät dabei immer wieder an seine Grenzen oder auch weit darüber hinaus. Er trifft auf einheimische Rentierhirten, die ihn verköstigen, aber nicht verraten, sondern erst einmal mitnehmen. Wochenlang zieht er mit ihnen umher, kehrt sogar in ihr Dorf ein. Irgendwann als die Zeit gekommen ist, überhäuft man ihn mit Geschenken, führt ihn fort und wünscht ihm voller Herzlichkeit alles Gute für seinen weiteren Weg.

 

Forell trifft mehrfach auf Dörfer, wird in der Regel herzlich aufgenommen und zuvorkommend behandelt. Aber eigentlich will er doch nur nach Hause. Bedrückend wird es, als sich Clemens eingestehen muss, dass er kurz davor steht aufzugeben und sich allmählich Gewahr wird, dass er niemals heimkehren wird. Er gerät an drei russische Strafgefangene, die vor einiger Zeit aus einem Goldbergwerk im Kolymagebirge geflohen sind. Raue Genossen, die als Gesetzlose auf das Leben in der Wildnis bestens eingestellt sind. Sie nehmen Forell mit auf ihre Reise, die in der kargen Landschaft Sibiriens nicht viel mehr als Jagen und Goldwaschen bereithält. Eine tiefe Freundschaft wird sich unter den Männern nicht herauskristallisieren. Eher das Gegenteil ist der Fall. Folgendes Zitat von Seite 343 macht es mehr als deutlich: „Clemens muss ständig auf der Hut sein, denn es ist eine abscheuliche Gegend, in der einem Menschen so schnell etwas zustoßen kann, so laut er auch um Hilfe schreit. Leichen bedeuten in diesem Land keine große Aufregung, wenn überhaupt jemand die findet.“ Forell trifft immer wieder auf Menschengruppen, wobei er von einem Jakutenstamm der Hunde züchtet einen Hund, der wohl Ausschussware ist, zur Seite gestellt bekommt. Niemand auf den er trifft fragt Forell ernsthaft nach seinem Ausweis. Ansonsten redet er sich raus, erfindet Geschichten und baut auf die Barmherzigkeit des einfachen sibirischen Volkes. Er stielt, wenn ihm nichts anderes übrig bleibt und schlägt sich durch. Krank sieht er aus und keiner glaubt, dass er jemals nach Hause zurückkehren wird. Viele meinen es gut mit ihm, andere wiederum trachten ihm nach dem Leben. Aber nicht nur Menschen können hier draußen in der endlosen Wildnis Gefahr bedeuten, denn Forell macht auch mit Bären und Wölfen Bekanntschaft.

 

„So weit die Füße tragen“ wurde bereits mehrfach verfilmt (u.a. in einem sechsteiligen Fernsehfilm von 1959 und einer Kinoverfilmung von 2001). Wohingegen sich der Sechsteiler noch sehr nahe am Buch orientiert, nimmt sich die 2001er Neuverfilmung schon wesentlich mehr Freiraum für eigene Interpretationen. Auch eine Hörspieladaption wurde erfolgreich produziert. Die Erzählungen, die Cornelius Rost alias Clemens Forell für Josef Martin Bauer auf Tonband gesprochen hatte, wurden jedoch vom Rundfunk-Journalisten Arthur Dittlmann in einer dreiteiligen Doku-Reihe im Bayerischen Rundfunk angezweifelt. Es gibt sehr viele Ungereimtheiten, die auf eine rege Phantasie Cornelius Rosts schließen lassen. Das Buch über die Flucht, die Strapazen und den elend langen Heimweg bis nach München ist dennoch sehr lesenswert. Lediglich die ersten 150 Seiten nehmen sich ein wenig zäh aus.

 

(Janko)

Brösel - Werner-Wat nu!?Brösel - Werner-Wat nu!?
(Bröseline Verlag)

- Band 13 über den schusseligen Lebemann und Teilzeitrocker Werner -

Seit 1981 erscheinen in unregelmäßigen Abständen anarchische Kult-Comics aus dem hohen Norden, die sich rund um den Teilzeitrocker und Bölkstofffanatiker Werner drehen. Der wohl bekannteste deutsche Comic Held oder eben Antiheld betritt nun, nach 14-jähriger Abstinenz abermals die Bühne. Pünktlich zum 30. Jahrestag des legendären Werner-Rennen am 30.08. bis 02.09.2018 auf dem Flugplatz Hartenholm, haut Rötger Werner Friedrich Wilhelm Feldmann alias Brösel nämlich den 13. Werner Band "Werner-Wat nu!?" raus. 128 Seiten professionell gezeichnet und voll in Farbe. Extra hierfür wurde der Bröseline Verlag ins Leben gerufen. Seit jeher sind es die stark übertriebenen Geschichten, inspiriert vom Leben und dem Umfeld Rötgers, die Millionen von Lesern an den Seiten pappen oder in die Kinos strömen ließen. Wer erinnert sich nicht an das legendäre „Fußballspiel“ auf dem Kieler Wochenmarkt, den Krankenhausaufenthalt („...un mach das Licht aus oder ich beiß die Lampe ab!“), an „Präsi“ („Wenn hier einer Anna nass macht, dann bin ich das!") oder an den Rohrbruch mit Gas/Wasser/Scheiße-Röhrich („Wenn einer noch muss, aber denn is Schluss“)? Aber wo sind die herrlich bekloppten Charaktere nur abgeblieben? Im neuen Band finden sie jedenfalls keinerlei Erwähnung.

 

Werner, wie er leibt und lebt, ist mal wieder auf der Suche nach Bölkstoff. Doch der ist aus! Die Bölkstoff Station wurde gefrackt. Den Sündenbock findet man schnell im Bergamt. Kurzerhand nimmt man die hohlgebohrte Bürokratenassel mit. Es wird aber nicht nur geblödelt, gebölkt und gedengelt, in Band 13 kommen auch sozialkritische und vor allem umweltpolitische Aspekte zum Tragen. So werden unter anderem das Fracking, das Umweltgift Glypho-satt, das Biene-Maya-Sterben, sowie die Saatgut-Mafia zwischen Kimme und Korn genommen, denn wie schon auf Seite 16 von einem Schwein propagiert wird: "Die schlimmste Umweltsau ist der Mensch!!!" Werner umtreibt dabei natürlich auch die Angst um die gebotene Reinheit seines Lebenselixiers, dem Bölkstoff. Da kann er richtig garstig werden, der Werner. Photo Credit: Petra FeldmannUnd wie ich es mir bereits in meiner eigenen Phantasie zurechtgelegt habe, kommt dann auch der Spruch, den ich wohl niemals vergessen werde und der mir in Sachen Werner immer im Gedächtnis bleiben wird: "Wohin des Weges, Bursch? ..." nur eben als neue, aber nur mit einem einzigen Buchstaben veränderten Version :-). Absolut naheliegend das!

 

Erstmals vollführt Werner einen ungewollten Ausflug auf dem Skateboard, wobei die Gewichtung hierbei ganz klar auf „Flug“ liegt. Natürlich geht es dabei auch immer wieder um Maurerbrause, Aggregate, Mokicks, Reisschüsseln und echte Feuerstühle. Es wird auch auf die bevorstehende (dritte) Revanche zwischen Brösel auf dem Red Porsche Killer von Horex und dem fett getunten 911er Porsche von Schankwirt Holgi eingegangen. Die Sprechblasen sinn hierbei offmols voll mem friesischen Sleng! Allerdings fand ich Werner früher deutlich witziger. Entweder war er das tatsächlich oder ich bin langsam zu alt für diesen Scheiß. Vielleicht hätte ich vorher auch mehr Bölkstoff tanken sollen. Auch Werner ist älter geworden, reifer, vielleicht gar nachdenklicher un längs nich mäh so loggäää wie früääähhh. Es passiert auch einfach zu wenig in Band 13. Wo ist Geselle Eckat (Eckhard), wo die vertrottelten Bullen Helmut und Bruno, die quäkende Krankenschwester, die überquellende Scheiße, die Bikerfreunde Hörni und Kalle, Ölfuß, der MC Klappstuhl, die unsäglichen Unfälle mit all ihrer rasanten Konsequenz, der Radau und die pure Leichtigkeit des Seins? Die Zeichnungen sind zwar allererste Sahne, aber die Konversationen und das Storyboard im Allgemeinen hätten durchaus mehr Biss vertragen können.

 

Für Hardcorefans ist „Werner–Wat nu!?“ sicherlich ein Muss. Für die, die es eventuell werden möchten, mag die Anschaffung eine Überlegung wert sein, aber mit 19,80 Euro wird für den Werner Band 13 ein wirklich stolzer Preis aufgerufen. Man hat das 128 Seiten Büchlein dafür auch leider viel zu schnell durch.

 

(Janko)

 

http://www.werner.de/

https://de-de.facebook.com/Werner-41840467057/


Meine Wertung: 77/100

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.werner.de/index.php/werner-13-kommt/


Brösel: WERNER — WAT NU!?, Bröseline Verlag

Erscheinungstermin: 01. Juni 2018

ISBN 978-3-947626-00-7

128 Seiten

Euro: 19,80

 

Der offizielle Trailer zu “Werner-Wat nu!?:

https://www.youtube.com/watch?v=J873mKAKCB8

Billy Idol - Dancing With Myself-Die Autobiographie Billy Idol - Dancing With Myself-Die Autobiographie 

(Heyne Hardcore)

 

„Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre, und irgendwann wirst du damit richtigliegen.“ – Billy Idol

Mit „White Wedding“, sowie „Dancing With Myself“ drang ein (für mich) neuer Künstler Namens BILLY IDOL erstmalig an mein Ohr. Mit seiner einmaligen, mitreißenden Stimme, dem groovenden, gute Laune verbreitenden Punk Rock’n’Roll, sowie diesem ultimativen Swing in seiner Musik, hatte Billy einen Nerv getroffen und den ersten, nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Seit dem Anfang der 80er, spätestens als das „Rebel Yell“ Album 1983 erschien, hatte mich das BILLY IDOL Fieber endgültig gepackt. Damals war ich selbst noch nicht einmal in einem zweistelligen Alter, aber der Titeltrack, sowie die Tracks „Eyes Without A Face“, „Blue Highway“, „Flesh For Fantasy“ oder „Catch My Fall“ haben mich schon damals begeistert und tun es noch bis heute. Auch den selbstbetitelten Vorgänger, das großartige Nachfolgealbum „Whiplash Smile“, welches ich persönlich für sein ultimatives Meisterwerk halte, das „Charmed Life Album“, sowie „Cyberpunk“, Devil’s Playground“ und noch so einige Compilations, DVDs, Maxis und Singles aus frühester Zeit, bis hin zum siebten und letzten Werk „Kings & Queens Of The Underground“, welches europaweit am 17. Oktober 2014 veröffentlicht wurde, nenne ich mein Eigen. Zehn Tage zuvor erschien auch seine Autobiographie „Dancing With Myself“ im englischen Original. Hierzulande wurde das Taschenbuch der gebundenen Ausgabe im Juni 2016 vom Heyne Hardcore Verlag nachgeschoben.

 

Sex, Drugs, Punk und Rock'n' Roll. Das war und ist sein Leben. BILLY IDOL, am 30. November 1955 unter dem bürgerlichen Namen William Michael Albert Broad in Stanmore, England geboren, setzt bei seiner Autobiographie mittig an. Los geht es in den ersten Zuckungen der 90er. Im Prolog erzählt er über sein wohl einschlägigstes Erlebnis. Billy hatte gerade die Aufnahmen zu "Charmed Life" beendet und das fertige Material abgegeben, als ihn dieser schreckliche Motorradunfall für einige Zeit aushebelte. Der Unfall war aber nicht das einzige, was BILLY IDOL immer wieder ausbremste. Dies war wohl eher seinem exzessiven Drogenmissbrauch, der sich von Alkohol über Haschisch, Kokain, Ecstasy, GBH, LSD, Quaaludes (Methylchinazolinon ist ein euphorisierendes und aphrodisierendes Hypnotikum), Heroin, Opium, Mandrax, Speed, Tuinal und Secobarbital erstreckte. Es wäre wohl schneller gegangen, ich hätte aufgeschrieben, was er nicht einnahm. BILLY IDOLs Leben bestand aus Drogen und Musik. Zu seinem Künstlernamen kam William Broad in Zeiten seiner Punk Rock Band GENERATION X. Aus dem allgemein gültigen Kosenamen für William, nämlich Billy und dem Wort „idle“ (engl. für träge), wie ihm ein unzufriedener Chemielehrer in seinem Zeugnis in Großbuchstaben vermerkte: „WILLIAM IS IDLE“. Auf die Frage in einem Interview hin, buchstabierte er diesen Namen kurzerhand I-D-O-L und der Künstlername BILLY IDOL war geboren.

 

Seine Autobiographie, die sich hauptsächlich um die 70er, 80er und den Anfang der 90er dreht, hat William Broad sehr ausführlich, emotional, schonungslos und verteufelt ehrlich geschrieben. An mancher Stelle wird er gar philosophisch, ist aber auch nicht zimperlich, wenn er über seine Drogen- und Sex Erfahrungen und die wilden Parties in den Hotels oder den Musikstudios spricht. Richtiggehende Orgien haben sich dort abgespielt, mit Mädels aus den örtlichen Stripclups, Drogen aller Art und totaler Unordnung, bis hin zu purem Chaos, inklusive vollgekotztem Fußboden im Klo. Mitten in diesem physischen, wie psychischen Durcheinander entstanden seine Songs. Der Erwartungsdruck, den er sich selbst auferlegte, lastete immer schwer auf seinen Schultern. Die Trennung von seiner Freundin Perri, mit der er den gemeinsamen Sohn Willem zeugte, machte ihm ebenfalls lange und schwer zu schaffen, aber die Arbeit an seiner Musik hatte für ihn immer Vorrang. BILLY IDOL hatte sich stets selbst unter Dampf gehalten, um das Beste aus sich herauszuholen. Nach dem das Album „Charmed Life“ fertiggestellt war, fühlte er sich leer und wollte diese Leere mit einer Fahrt auf seiner 1984er Harley Davidson Wide Glide ausfüllen. Doch dann passierte es. Es tat einen Schlag, Billy verlor das Bewusstsein und wachte blutüberströmt wieder auf. Er hatte einen schweren Unfall. Ziemlich direkt und schonungslos spricht er über seinen schweren, teils offenen Trümmerbruch, der ihn beinahe den rechten Unterschenkel gekostet hätte. Bildlich vorgestellt schon ziemlich eklig und erschreckend, wie William das erzählt...dann ein Cut...

 

Im ersten Kapitel beginnt das Leben des William Broad. Er erzählt von seinen Eltern und seinen sonstigen Verwandten. Im Alter von drei Jahren zog William mit seiner Familie nach Amerika. Er berichtet von einer unbeschwerten Kindheit und über das Amerika der 50er und 60er Jahre. Drei Jahre später (nämlich 1962) ging es allerdings schon wieder zurück nach England. Für Billy begann alles mit Musik. Sie bedeutete ihm Freiheit, Seele, Emotion und Werhaftigkeit. William Broad beschrieb Musik, die ihm viel bedeutete wie folgt: "Tief in der Magengrube fängt es an, breitet sich von dort aus und überflutet den Körper mit warmen, wohltuenden Endorphinen. Das Hirn knistert vor Wohlgefühl.“ Seine Sprache ist zum Teil in bildgewaltige Metaphern gehüllt. Er interessierte sich für Geschichte, Filme, liebte die BEATLES, ging auf Konzerte von HAWKWIND, BLACK SABBATH oder DEPP PURPLE und rauchte „Kräuterzigaretten“, wie jeder damals. 
 
William Broad gibt unglaublich tiefe und ehrliche Einblicke in sein Leben, seine Kindheit, seine Schul- und Teenagerzeit, die ersten Erkundungen des eigenen Körpers, sowie des anderen Geschlechts. Er sinniert über seine Punk Band GENERATION X, mit der er in den 70ern drei Alben rausbrachte, über DAVID BOWIE, LED ZEPPELIN, HAWKWIND, FRANK ZAPPA, ROXY MUSIC, LOU REED, die SPARKS, THE WHO, KING CRIMSON und seine Freunde von den SEX PISTOLS, sowie die damals häufig auftretenden Probleme mit den Skinheads. Billy musste sich, durch die ständigen Umzüge der Familie immer wieder neu ausrichten, sich anpassen und neue Freunde finden. Die Anfänge seiner Musik, die ersten Gehversuche, die ersten Gitarren und Verstärker, seine Liebe zum Punk Rock, für die er sein Studium, sehr zum Leidwesen seiner Eltern schmiss und die musikalische Revolution, die er und seine Freunde im Prinzip im Louise's, einer Lesben Bar lostraten, ebneten den Weg für seine spätere Solokarriere. Es wird die Frage beantwortet, warum sich BILLY IDOL plötzlich die Haare blond färbte und wie aus der Band CHELSEA letztendlich GENERATION X wurde. Wie der Punk Rock als Generationenkonflikt bei den Jugendlichen immer beliebter wurde und wie Billy und seine Freunde das ROXY, ihren eigenen Club aufmachten. Hier war der Punk zu Hause und alles erlaubt. Hier fühlten sich die Ausgestoßenen und Missverstandenen wohl und zugehörig. Als Subgenre geboren, wurde der Punk Rock alsbald zu einer mächtigen Kulturbewegung der entmündigten Jugend und GENERATION X zur Hausband des ROXY. Billy und sein Bandkollege Anthony Eric „Tony“ James hatten Glück, denn sie kannten Bernard Rhodes, den Manager von THE CLASH, Malcolm McLaren, den Mentor der SEX PISTOLS, sowie Neil Aspinall, der das BEATLES-eigene Label Apple Records leitete. Das wiederum versprach ihnen vernünftige Deals und eine Menge Lehrstoff in Sachen Verträge. Der aufkommende Krieg zwischen den Rockfans verschiedener Subgenres und den Zeitgeist der 70er hat er perfekt eingefangen und das großartige Gefühl als Punk Rocker Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. Dann folgte der Einstieg beim Label Chrysalis, dem Billy über lange Jahre treu bleiben sollte, sowie die ersten Erfolge und Fernsehauftritte. Wenn man Billy gut genug kennt, bemerkt man immer wieder diesen typischen Swing oder Singsang, der in seinem Erzählstil mitschwingt.


Munter geht es weiter über seinen Wandel vom Punk zum Rock'n'Roll, die verärgerten Fans, die neu hinzugewonnenen, die Lossagung von GENERATION X und Bandmate Tony, seinen Neustart in Amerika, bei dem ihn sein Label Chrysalis unterstützte, die „Grabesruhe und der Rückzug in den Mutterleib“ verursacht durch das Rauchen von Heroin und seine langjährige Beziehung zu Perri, die ihm später nach Amerika folgen sollte. Es geht immer wieder drunter und drüber, um harte Drogen und BILLY IDOLs, nicht ganz alltäglichen Alltag. Er erzählt unglaublich sympathisch und empathisch. Billy hatte in Bill Aucoin einen guten Manager, der auch die Überband KISS produzierte und ihm die Zusammenarbeit mit Steve Stevens ans Herz legte. Allerdings bleibt die Frage offen, was aus GENERATION X’s Tony geworden ist, der später als Gitarrist die Band SIGUE SIGUE SPUTNIK ins Leben rief. Mit Keith Forsey bastelte Idol an einem völlig neuen Sound aus R&B, Disco, Techno und Rock, wurde von Gene Simmons zum Essen eingeladen, sah sich PRINCE im Ritz an und war fasziniert von dessem groovigen, maschinenhaften Sound. William erzählt vom Start seiner Solokarriere im Jahre 1981, seinem ersten Solo Album und der Entstehung der Songs dazu. Er berichtet von Begegnungen und Verfolgungsjagden mit den Cops, Rauswürfen aus Hotels, seiner Drogensucht und seiner musikalischen Evolution bin zum Powerpop-Rock-Dance. Es ist schon ziemlich teuflisch, welche Energie und welche Lebensfreude, trotz seiner Sucht in seinen genialen Songs steckt. Er spricht über Videodrehs, die Ausstrahlungen auf MTV und wie sich dadurch die Probleme mit Radiosendern in Luft auflösten. Darüber, wie er zum Star wurde, sein Interview für den Rolling Stone verpatzte, weil er high und besoffen war und wie er beinahe dem Heroin erlegen war, die weltweiten Tourneen, Gold- und Platin Alben und die unzähligen weiblichen Fans, die er gerne mal vernaschte. Zwischendrin gibt es auch ein paar ausgewählte Photographien, unter anderem aus dem Idol-Familienarchiv. Er erzählt von seinem Filmprojekt und dem 11 Millionen Dollar Deal mit Universal. Das Filmprojekt fraß neben einer Menge Zeit Billy fast die Nasenscheidewand weg. Völlig auf Kokain und Heroin kehrte er anschließend ohne Manager nach New York zurück. Seine Langzeit-Freundin Perri verließ ihn, weil er so gleichgültig geworden war und sich immer wieder in sexuelle Abenteuer stürzte, anstatt sich um die Frau zu kümmern, die er liebte. Völlig am Boden zerstört und krank vor Sehnsucht machte er sich an das Songwriting für das "Rebell Yell" Nachfolge Album "Whiplash Smile". Seinen wahren Charakter hatte William unter einer Tonne Kokain begraben. Paranoia und Halluzinationen überkamen seinen Geist und er wusste, dass es Zeit war aufzuhören, doch das erwies sich als schwieriger als gedacht. Stattdessen rauchte er immer mehr Koks. Billy erzählt das so eindrucksvoll, dass man wahrlich Mitleid für ihn empfindet und als Fan sogar recht traurig wird, denn ein schönes Leben scheint dieser Abschnitt leider nicht gewesen zu sein. Der enorme Berühmtheitsgrad nahm ihm die Freiheit und die Drogen seine Seele. BILLY IDOL war am Ende und kaputt, mutierte zu einem launigen Arschloch und ergab sich der Leere. Zitat von William Broad: „Ein Junge aus Bromley in Kent, der allein und völlig zugedröhnt in New York saß, langsam verrückt wurde und durch den hirnzersetzenden Drogencocktail die Kontrolle über sich verloren hatte, ohne jemanden an seiner Seite, der ihn zur Vernunft bringen konnte.“

 

Billy hatte letzten Endes Glück und sprang dem Tod einmal mehr von der Schippe. Unglaublich offensiv berichtet William von seinen Drogeneskapaden und den Streitereien innerhalb der Band. Er zog mit Perri nach L.A. und einen Monat später war sie schwanger. Billy kaufte sich eine Harley Davidson Wide Glide und übte erst einmal auf einer Kawasaki 454, bevor er sich an die 380 kg schwere Maschine herantraute. Als Perri hochschwanger war, hatte er bereits wieder die ein oder andere Affäre am Laufen. Dann kam sein Sohn Willem Wolfe Broad auf die Welt. Durch und durch Gewohnheitstier, fiel Billy allerdings recht schnell in seine alten Verhaltensmuster zurück, was letzten Endes zum endgültigen Bruch mit Perri führte. Dann begannen die Aufnahmen zu "Charmed Life". Wenn man bedenkt, was Billy Idol in all den Jahren – wenn auch selbst aufgebürdet – durchgestanden hat, dann ist seine Geschichte eigentlich eine ziemlich traurige und einsame. William spricht über sein Angebot zum Mitwirken an Oliver Stones Film "The Doors" und das Angebot in „Terminator 2“ den T-1000 zu spielen. Dann erblickte seine Tochter Bonnie Blue das Licht der Welt, deren Mutter allerdings nicht Perri war. Billy verfiel im Laufe der Zeit erneut in eine ausgewachsene Depression, die ihn mit ein paar Freunden aus seinem Motorrad Club „Rude Dude“ nach Bangkok trieb und ihn abermals zu harten Drogen greifen ließ. Man mietete die Präsidenten Suite im Oriental Hotel und vögelte sich durch sämtliche Bordells. Seine Wutausbrüche und seine Unzurechnungsfähigkeit ließen ihn mehrere Hotelzimmer zerstören und zigtausende Dollars verprassen. BILLY IDOL trieb es dermaßen bunt, dass er letzten Endes in Begleitung der thailändischen Armee des Landes verwiesen wurde.

 

Wenn man BILLY IDOLs Autobiographie liest, wird einem unweigerlich klar, dass er zwar viel erlebt, aber zu einem gewissen Teil kein wirklich schönes oder erstrebenswertes Leben hatte. William Michael Albert Broad kann im Endeffekt dankbar sein, dass er so gute und geduldige Freunde und eine loyale Familie an seiner Seite hatte und hat. Durch seinen Unfall verspielte er sich letztlich die ein oder andere angesprochene Filmrolle und musste einige OPs über sich ergehen lassen, ehe er wieder einigermaßen hergestellt war. Die anstrengende "Charmed Life" Tour ließ sich nur mit Krücken absolvieren. Als dann der Nachfolger „Cyberpunk“ floppte, nahm er zwölf Jahre lang kein weiteres Album auf. Billy traf in der Zwischenzeit auf Stephen „Evil McG“ McGrath, der auch ein großer Harley Fan war, später als Bassist bei BILLY IDOL einsteigen sollte und er schnupperte wieder am verlockenden Duft auf der Bühne zu stehen. Auf das „Devil’s Playground“ Album geht Billy nicht allzu sehr ein. Danach mussten die Fans erneut eine Ewigkeit, nämlich ganze neun Jahre auf ein neues Album des Rock’n’Roll Punk warten. Lediglich die Weihnachts-CD „Happy Holidays“ (2006), mit lauter Weihnachtsklassikern wurde von ihm eingesungen, aber mit nahezu keiner Silbe in seiner Autobiographie erwähnt. Im Oktober 2014 folgte mit „Kings & Queens Of The Underground“ sein bis dato letztes Album, welches einen kompletten Rundumschlag seiner langjährigen Karriere darstellt und das erfolgreichste Album seit „Charmed Life“ wurde. Zum Schluss spricht er noch mal von seinem Kindern Bonnie und Willem, seinen Eltern und vor allem seinem, an Krebs erkrankten und mittlerweile verstorbenen Vater. Billy fühlt tief in seinem Inneren eine Art gespaltenes Ich, dass es ihm oftmals schwer machte, die richtigen Entscheidungen im Leben zu treffen. 

 

Möge er noch lange Leben, viel Zeit und Spaß mit seinen Kindern haben und noch viele, viele großartige Alben aufnehmen!!!

 

(Janko)

 

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Buckingham, Royce Scott - KaltgestelltBuckingham, Royce Scott - Kaltgestellt

(Blanvalet)

 

Stuart Stark, seines Zeichens Staatsanwalt in Bristol County (Massachusetts), übernimmt freiwillig einen Mordfall. Trotz Fehlens einer Leiche kommt es zu einer Verurteilung des mutmaßlichen Täters Raymond Butz, da dieser den Mord an seiner eigenen Frau gegenüber einem Gefängnisinsassen einräumt und diesen auch gegenüber dem Gericht gesteht. Staatsanwalt Stu ist daraufhin ein, nicht nur von den Medien, gefeierter Mann. Der Ruhm währt allerdings nicht lange, denn als der Fall neun Monate später vom Berufungsgericht neu verhandelt wird, kommt Raymond Butz auf freien Fuß. Keine Leiche, kein nachzuweisender Mord. Als die erneute Klage somit abgewiesen wird, verliert Stu seinen Job. Daraufhin eröffnet er, gemeinsam mit seinem sadistischen und berechnenden, ehemaligen Kommilitonen Clayton Buchanan von der University Of Oregon, eine eigene Anwaltskanzlei in New Bedford (ebenfalls Bristol County). Die Kanzlei ist in einem renovierungsbedürftigen Gebäude untergebracht und der Erfolg will sich nicht so recht einstellen. Seine Frau Katherine ist materialistisch eingestellt und straft Stu schon mal mit Sexentzug, wenn die Dinge nicht so laufen, wie von ihr gewünscht. Sie will ein Haus am Strand, wie ihre Freundinnen bereits eines besitzen und steht auf Fitness, Eleganz und Geld. Stu ist indes über die Jahre etwas verweichlicht und hat keine Lust seiner Frau zu widersprechen, geschweige denn sich mit ihr anzulegen, aber auch nicht das Geld, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Als sein Partner Clay ihm zu seinem 40. Geburtstag einen gemeinsamen Trip nach Alaska samt Unterkunft im Blockhaus schenkt, willigt Stu widerwillig ein. Stuart Stark hat keinen Arsch in der Hose und ist ein Ja-Sager. Seine Frau ist eklig zu ihm und hält indes keine großen Stücke mehr auf ihren Mann. Stuart nimmt dies aber alles nicht für bare Münze und macht sich dahingehend keine Gedanken. Als Clay im letzten Moment einen Rückzieher macht, weil er einen wichtigen Kunden für die Kanzlei gewinnen will, fliegt Stu kurzerhand alleine in die eisige Wildnis Alaskas. Nachdem ihn Ivan, ein Pilot von „Yukon Air Tours“ an einem einsamen See abgesetzt hat und Stu sich zum Blockhaus aufmacht, dämmert ihm nur allzu bald, dass es hier gar kein Blockhaus gibt. Glücklicherweise findet er eine kleine, windschiefe Schutzhütte als Unterschlupf. Stu soll von Ivan nach einer Woche wieder abgeholt werden, doch niemand kommt, um ihn zurück in die Zivilisation zu fliegen. Nicht zuletzt durch die eisige Kälte und die üblen Rückschläge, die das Schicksal für Stu immer wieder bereithält, befindet sich der Anwalt alsbald in einer lebensbedrohlichen Lage und ist Gefangener seines ganz persönlichen Albtraums. Hungrig, krank und vor allem vollkommen dehydriert, gibt sich Stu langsam auf. Er führt Selbstgespräche und wird allmählich verrückt. Doch dann kommt die Rettung in Form des Jägers Blake, der über den Winter bei sich aufnimmt. Man sucht nach Stuart Stark, aber kann ihn nicht finden. Da der Anwalt an seiner generellen Lebenskrise so ziemlich alleinig Schuld trägt, fällt es allerdings schwer Sympathien für ihn aufzubauen oder Mitleid mit ihm zu empfinden.

 

Royce Scott Buckingham hat selbst Jura an der U of O studiert und während seines Studiums Kinder und Jugendbücher geschrieben. Der 2014 erschienene, im englischen Original „Impassed“ (Sackgasse/ausweglose Situation) betitelte Thriller, ist sein erstes Buch für Erwachsene. Auf 445 Seiten entwirft Buckingham ein leider doch recht oberflächliches Psychogramm eines Mannes im Überlebenskampf und die Rache bei seiner Rückkehr in die Gesellschaft. Die Themen Geld, Macht, Einfluss und Geltungsbedürfnis werden arg breit getreten und fangen im Laufe der Geschichte unweigerlich zu nerven an. Ständig geht es um persönliche Außenwirkung, wofür die Protagonisten gar über Leichen gehen. Sämtliche Protagonisten haben eine kaputte, indes erkaltete Seele und ein völlig kaputte Psyche. Die Erzählweise ist recht nüchtern und durchaus spannend, aber es gibt eine recht langwierige Einführung in die eigentliche Geschichte, einen größeren Durchhänger in der Mitte und es fehlt ein wenig an Lokalkolorit. Aus der Story und der guten Grundidee hätte man sicherlich weitaus mehr machen können.

 

Über die vergehenden Monate des Winters, gefangen in Alaskas Wildnis, bemerkt man allmählich eine Veränderung bei Stu. Weg von dem Weichei hin zu einem richtigen Kerl. Derweil verändert sich auch sein zurückgelassenes Leben daheim radikal. Clay ist ein asoziales, berechnendes, gerissenes und vulgäres Arschloch, das allmählich beginnt Stuarts Leben an sich zu reißen. In der ehrenwerten Gesellschaft in der sich Katherine fortan bewegt, scheinen sämtliche Personen ihre Empathien gegen eine hemmungslose Herzenskälte eingetauscht zu haben. Gesellschaftliche Zwänge, charakterlose Züge, Lügen, Intrigen und perverse Machenschaften sind hier an der Tagesordnung. Was Stu nach seiner Wiederkehr ausarbeitet, hat es allerdings in sich und nimmt seinen Lauf wie eine Reihe Dominosteine. Er muss sie nur noch anstoßen. Bis auf den Durchhänger in der Mitte ist die Geschichte zwar relativ spannend, aber "Kaltgestellt" ist sicherlich alles andere, als ein sympathisches Buch. Aber will es das überhaupt sein? Wohl eher nicht. Leider ist die Auflösung von Stus Plan und somit das Ende des Buches recht zügig und für meinen Geschmack zu schnell erzählt.

 

(Janko)

 

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Until The Night von Giles BluntUntil The Night von Giles Blunt
 
Der sechste John Cardinal/Lise Delorme Fall, der im Jahre 2013 erschien, ist leider bis dato noch nicht ins Deutsche übersetzt worden und somit derzeit nur im englischen Original erhältlich. Die, für gerade mal 300 Seiten recht komplexe Story rund um die beiden sympathischen, kanadischen Detectives, spielt erneut im fiktiven Ort Algonquin Bay/Kanada und knüpft zeitlich an die Vorgängerromane an. Personen werden genannt, die man schon aus den vorangegangenen John Cardinal Romanen kennt, welche jedoch alle als Standalones zu betrachten sind und keinerlei einzuhaltender Reihenfolge bedürfen. „Until The Night“ macht dabei keine Ausnahme. Es werden dieses Mal allerdings zwei räumlich und zeitlich voneinander getrennte Geschichten erzählt, die sich erst zum Ende hin allmählich miteinander verknüpfen. Handlung 1 dreht sich um ein Forscherteam auf einer 20 Kilometer langen Insel aus Eis, die im Uhrzeigesinn um den Nordpol kreist. Handlung 2 um einen, offensichtlich aus Eifersucht verübten Mord auf einem Parkplatz vor einem Hotel in Algonquin Bay. Bereits auf den ersten Seiten wird man in die Geschichte um diesen Mord und das damit unmittelbar in Verbindung stehende Verschwinden einer Frau hineingezogen. Wie das ganze letztlich zusammenhängt lässt sich anfangs beim besten Willen nicht erahnen. Der kanadische Thriller Autor Giles Blunt erschafft auch dieses Mal wieder seine ganz eigentümliche, feinsinnig Atmosphäre, die Algonquin Bay und seine Protagonisten so leidenschaftlich und lebensecht erzählen. Und auch wenn die Romane um das Ermittlerteam Cardinal/Delorme zumeist im langen Winter des immerkalten Kanada spielen, strahlen sie doch eine gemütliche Wärme aus. „Until The Night“ ist erneut ein investigativer Roman, mit ab und an eingestreutem schwarzem Humor, der den Fall trotz seines ernsten Hintergrundes zwischendurch immer wieder ein wenig aufzulockern vermag. Es herrscht allgemein viel Konversation, was den Plot zusätzlich sehr lebendig gestaltet. Blunt erklärt und beschreibt die Gegebenheiten in kurzen, prägnanten Sätzen, so dass man immer eine recht gute Auffassung davon bekommt, wo und in welcher Situation sich seine Protagonisten zurzeit befinden. Die einzelnen Charaktere sind sehr menschlich gezeichnet und dabei keinesfalls übertrieben. Auch wenn Restaurant-, Nachtclub- und Barbesitzer Leonard Priest die harte, vulgäre Sprache bevorzugt, macht ihn das nicht zwangsläufig unsympathisch. Unsympathisch hingegen ist der „Neue“ am Police Departement Detective Constable Vernon Loach gezeichnet, der nicht nur den Fall leitet, sondern Lise Delorme und John Cardinal, irgendwann auch dem Detective Sergeant Chouinard (der zu Anfang noch auf ihn setzt) mächtig auf den Zeiger geht. Jeder ermittelt in eine andere Richtung und die klare Linie bei der Polizei von Algonquin Bay wird allmählich abgängig. Auf der anderen Seite ist da das Forscherteam. Die Abgeschiedenheit in der Arktis, die teils unerträgliche Kälte und die Liebesaffäre eines Forschers und einer Forscherin, welche wiederum mit einem anderen, anwesenden Forscher verheiratet ist, machen das gemeinsame Miteinander nicht gerade erträglich und dann geraten sie allesamt in eine riesige Katastrophe. Man kann die Kälte und die teils missliche Lage der Forscher in der Arktis regelrecht spüren. Giles Blunt schafft es nicht zuletzt mit seinen beiden sympathischen Ermittlern immer wieder wie aus dem Nichts hoch interessante Fälle zu kreieren. Lise Delorme geht dieses Mal sogar soweit, dass sie leicht bekleidet in einem Swingerclub ermittelt, sich dabei reichlich blöd vorkommt und extrem unwohl fühlt. Es ist nun mal nicht ihr Wesen. Oder ist es einfach nur der gewisse Thrill, der sie dort hin gelockt hat? Von männlicher Seite, ob bei der Polizei, durch Gefängnisinsassen, von Anwälten etc. drängen immer wieder frauenfeindliche Sprüche an die Oberfläche, mit denen sich hauptsächlich Lise Delorme Delorme konfrontiert sieht. Sie stellt sich aber tapfer an und gibt schon mal gekonnt kontra, in diesem von Männern dominierten Fall. Nach und nach entdecken die Ermittler immer mehr Leichen und die Ermittlungen, sowie die Befragungen von Zeugen oder der potentiellen Tätern nehmen immer bizarrere Formen an. Die Auflösung ist in sich rund und schlüssig bis auf eine Kleinigkeit, aber ich will hier nicht zu viel verraten, außer dass sich auch der sechste, fein durchdachte Algonquin Bay Fall mal wieder so richtig lohnt. "Until The Night" bietet 1A Unterhaltung!
 
Meine Wertung: 89/100
 
(Janko)

James Lee Burke - Glut und Asche

James Lee Burke - Glut und Asche

(Heyne Hardcore)

 

- Nepper, Schlepper, Bauernfänger auf Texanisch -

 

Erneut lässt der, 1936 in Houston, Texas geborene Autor James Lee Burke, seinen fast zwei Meter großen Protagonisten, Witwer und Nordkorea Veteran Sheriff Hackberry Holland durch die texikanische Hölle gehen. „Glut und Asche“, der hierzulande am 14.09.2015, als zweiter Teil der Hackberry Holland Reihe erschienene Thriller Roman des internationalen Bestsellerautors, kann als Standalone betrachtet werden, da er nicht direkt auf dem ersten Teil „Regengötter“ aufbaut. Allerdings tauchen neben dem bärbeißigen aber zumeist besonnenen, indes in die Jahre gekommene Sheriff mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen Hackberry Holland auch weitere altbekannte Protagonisten wieder auf. Da wären zum Beispiel Chief Deputy Pam Tibbs, Disponentin Maydeen Stoltz, Ethan Riser vom FBI, der russische Waffenhändler Sholokoff oder der ständig betrunkene Indianer Danny Boy Lorca.

 

Als letzterer des Nachts in die Wüste geht, um auf der Mesa nahe der Tex-Mex Grenze versteinerte Dinosauriereier auszugraben, wird er Augen- und Ohrenzeuge eines grausamen und brutalen Mordes, verübt von der skrupellosen Schlepperbande eines mexikanischen Drogenkartells, augenscheinlich an einem Bundesbeamten der Drogenbehörde. Noie Barnum, ein weiterer Gefangener der Schlepperbande kann aus der Gewalt seiner Entführer fliehen, wobei der ansonsten einzige Zeuge Danny Boy Lorca glücklicherweise gänzlich unentdeckt bleibt. Barnum hingegen befindet sich in allerhöchster Lebensgefahr, jedoch fehlt von ihm jede Spur. Krill, der Anführer der Schlepper ist ein krankes, barbarisches Individuum, das keine Ruhe findet ehe es sein Opfer gefunden hat. Der geflohene Gefangene ist im Besitz brisanter Regierungsgeheimnisse über den Bau einer Drohne, die die Mexikaner gerne an Al-Quaida verkaufen würden. Das wiederum würden die Amerikaner gerne verhindern und so entfacht ein Flächenbrand ungeahnten Ausmaßes, in einem ausgedorrten Landstrich ohne Moral, voller herzlich kranker und gestörter Individuen, bei dem sich keiner mehr so recht sicher sein kann, wer hier gerade Freund oder wer hier gerade Feind ist. Der Flüchtige Barnum wird von allen Seiten gejagt und hat sich mächtige Feinde, nicht zuletzt auf Seiten beider Regierungen gemacht. Und so geraten der Geflohene Noie Barnum, Reverend Cody Daniels, der auf Wetbacks (umgangssprachlich für illegale, mexikanische Einwanderer) schießt, der ehemalige Kojote (Schlepper) Krill und sein Gefolge, Sherriff Hackberry Holland und sein Deputy Pam Tibbs, Rüstungsunternehmer Temple Dowling, Waffenhändler Sholokoff, sowie die Asiatin Anton Ling, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Illegalen kurz hinter der Grenze Obdach zu gewähren und sie mit dem Nötigsten zu versorgen, in eine nicht mehr aufzuhaltende Lawine geradezu herausgeforderter Interaktionen und somit in eine hässliche und blutige Spirale der Gewalt. 

© James Parker McDavid

Mit einem Mal hat es Hackberry Holland mit einem ganzen Pulk an Leuten zu tun, die er eigentlich gar nicht in seinem County haben will.

 

Sherriff Holland und Deputy Tibbs ermitteln unter anderem in mexikanischen Bordellen. Ständig begleitet von Hitze, Schweiß und dem betäubenden Geruch nach Tod. Sie sprechen dort mit begriffsstutzigen Kleinkriminellen, nicht sonderlich hilfsbereiten Polizisten und ekelerregenden Zuhältern, was Hackberry das eine oder andere Mal seine Kompetenzen gnadenlos überschreiten lässt. Die beiden Ermittler haben es aber auch immer wieder mit völlig kaputten Gestalten zu tun, die ihnen das Leben schwer machen. Wie bei James Lee Burke nun mal üblich, bewegen sich die Ermittlungen abermals in einem Milieu voller Gleichgültigkeit, Gewalt und der Sehnsucht nach Tod. Zu einer, bereits aus dem ersten Teil "Regengötter" bekannten Person, baut Schriftsteller Burke dann noch eine arge Kontroverse ein, mit der er dem Leser etwas zum Hadern und Zähneausbeißen gibt.

 

Wie man es vom Autor nicht anders gewohnt ist, geht es gleich von Anfang an deftig zur Sache. Burke baut seine feinen Spannungsbögen immer genau da auf, wo es richtig weh tut und webt ein, für das belletristische Genre doch recht komplexes Storyboard drum herum. Diverse Parallelen zu den Gangstern aus dem ersten Hackberry Holland Fall drängen sich auf, die Sprache ist explizit und hart wo sie es sein soll, aber im Gegenzug auch nachdenklich und sentimental wo es von Nöten ist. Burkes‘ Schreibstil gleicht stets dem eines actionreichen und interessant aufgebauten Kinofilms. Es herrscht generell viel Kommunikation und die Beschreibung des Lokalkolorits macht die Versinnbildlichung der jeweiligen Szenerien zu einer Leichtigkeit. Jedoch werden hier immer wieder Szenen der Gewalt beschrieben, die zwar nicht in allen Einzelheiten, aber doch recht drastisch aufgeführt werden. Hin und wieder lässt sich Burke dann aber dazu hinreißen zu sehr aus dem Nähkästchen zu plaudern, was den Lesefluss ein wenig ins Stocken geraten lässt und am Anfang des letzten Drittels einen etwa 100-seitigen Durchhänger kreiert. Einen solch komplexen, 696 Seiten starken Thriller bekommt man allerdings auch nicht alle Tage zu lesen. Inhaltlich ist "Glut und Asche" auch etwas wirrer und flacher als noch der erste Hackberry Holland Fall. Zu viele Gruppen, zu viele Gangster und jeder hat irgendwelchen Dreck am Stecken. Auch die Sentimentalität der Auftragskiller in Burkes' Hackberry Holland Reihe ist durchaus etwas befremdlich. Man wird zum Teil regelrecht nachsichtig mit diesen bemitleidenswerten Kreaturen...und dann bekommt Holland bei einem fulminanten Showdown auch noch Hilfe von gänzlich unerwarteter Seite.

 

(Janko)

 

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Paperback/Glut-und-Asche/James-Lee-Burke/Heyne-Hardcore/e457859.rhd

 

Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller

Originaltitel: Feast Day of Fools

Originalverlag: Simon & Schuster

Paperback, Klappenbroschur, 704 Seiten, 13,5 x 20,6 cm

ISBN: 978-3-453-67680-0

€ 17,99 [D] | € 18,50 [A] | CHF 24,50* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Heyne Hardcore

Erschienen: 14.09.2015

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